Montag, November 23, 2009

Wölfe in Rothenburgsort


In der Galerie Tinderbox ist Corinna Korth als Mensch-Wolf-Wesen unterwegs.

Zur majestetischen Musik von "Also sprach Zarathustra" marschieren die Fußballmannschaften auf. Es werden Hymnen gesungen, der Anpfiff folgt, nach einer Weile der erste Torschuss. Alles wäre völlig normal, wären die Spieler, die dem Ball nachjagen nicht Menschen, sondern Hirsche und Wölfe.
Corinna Korth, 1975 in Hildesheim geboren, erfuhr im Jahr 2000 eine Art Wiedergeburt. Seither nimmt die Künstlerin die Rolle eines Mischwesen aus Wolf und Mensch ein und versucht, dessen Auseinandersetzung mit Zivilisation und Wildnis nachzuvollziehen. In Performances, Installationen, , Ftografien und Filmen untersucht Korth sowohl tierisches als auch menschliches Verhalten, das - wie im Falle des Fußfallspiels - durchaus Deckungsgleichheit im Revier- und Drohverhalten aufweisen kann. In dem Film "Nahrungskonkurrenz" (2003) hingegen sieht man einen Wolf und einen Bären, die sich in Aikidokleidung recht zivilisiert an dem Pelz gehen. Hier spielt die Künstlerin auf jene Diskrepanz an, die Wölfe und andere "verkannte" Tiere betrifft: Trotz hoher Intelligenz und ausgeprägtem Sozeialverhalten werden sie gefürchtet, gejagt und sogar ausgerottet. Barbarei ist eben keine Erfindung der Tiere.
Die semiwissenschaftlichen Arbeiten von Korth sind, wie man sich denken kann, keine Untersuchungen zur bedrohten Spezies Wolf, sondern Auseinandersetzungen mit dem eigenen Selbst, die ihr die Figur des Wolfes ermöglicht. Nicht immer sind ihre Werke so ironisch und humorvoll, denn die Künstlerin thematisiert ebenso Fragen zu Fremdsein, Ausgrenzung und Isolation. Für ihre Diplomarbeit an der HfbK 2001 ließ sich sich Korth als "Canis lupus" einbürgern samt Behördengängen, Sprachkurs und Gesundheitschecks bei Tier- und Menschenärzten. Als Wolf maskiert trat sie in der Öffentlichkeit auf, fuhr Bahn und lernte, was es heißt, anders zu sein. Hunde unterwarfen sich, ängstigten oder verliebten sich in das Mensch-Wolf-Wesen. Menschen machten zumeist einen großen Bogen. Sobald sie aber in menschlicher Sprache kommunizierte, verloren sie ihr Mißtrauen. Migration, Heimat und die Bedeutung von Sprache rücken so ins Blickfeld.
In letzter Zeit werden auch Ratten, Fledermäuse oder Füchse zu Protagonisten ihrer modernen Fabeln. Ein weiterer Film zeigt Rattenmenschen beim "parkouring", beim akrobatischen Erdunden von Stadträumen. Die politische Dimension dieser Sportart, bei der sich der Traceur den kürzesten Weg zwischen zwei Punkten sucht, dabei Wände und andere Hindernisse überwindet und so die Stadt zurückerobert, wird von. So leben heute etwa 6000 Füchse in London, in Berlin wohnen Wildschweine und Karlsruhe wird von einer Waschbärplage heimgesucht. Gentrification mal anders.



Christiane Opitz



Published in SZENE 10/2009


Clicky Web Analytics

Montag, September 21, 2009

Zauberhafte Kollektive


Im Kunstverein Hamburg besticht die Schwedin Nina Canell mit rätselhaft poetischen Installationen.


Wenn es aus Astlöchern dampft, sich Ventilatoren sanft im Kreise drehen, wenn minimalistischer Sound Wasseroberflächen zum Zittern bringt – dann gewinnt man den Eindruck, die Installationen Nina Canells seien lebendig.
Die schwedische Installationskünstlerin kombiniert technische Objekte mit Fundstücken aus der Natur. Geräte, Neonröhren, Wasser, Steine, Äste und Kabel werden zu zauberhaft-filigranen Gemeinschaften zusammengestellt, die trotz ihrer Heterogenität miteinander harmonieren. Mehr noch. Obwohl die Dinge ihrer ursprünglichen Aufgabe enthoben, also „entfremdet“, wurden, scheinen sie an ihren neuen Platz zu gehören, als wären sie schon immer dort gewesen. Die neue Ordnung innerhalb der Gruppen ist dabei gänzlich unhierarchisch, jedes Element übernimmt seine Rolle, keines sticht heraus. Gemeinsam treiben sie einen Kreislauf an, werden zu Rädchen in einem größeren Zusammenhang, tauschen Kräfte aus, interagieren. Es scheint so, als würden zwischenmenschliche Prozesse sichtbar gemacht.
Innerhalb des Kollektivs kann es passieren, dass die Dinge ihren Aggregatzustand verändern. So wird eine Neonröhre schon mal ganz anschmiegsam. Wie eine Schlange kriecht sie dann über hochkant gestellte Pflastersteine hinweg, während ein weiterer Lichtschlauch an einer astähnlichen Konstruktion entspannt die Kabel baumeln lässt. Oder es wird Wasser vom flüssigen in den gasförmigen Zustand überführt, wie in ihrer Arbeit "Morasco Circle“ (2007), die neben einem Kübel mit 20 Litern Wasser, aus einer Nebelmaschine, Baulicht, Mikrofon und einer tragbaren Beschallungsanlage besteht. Wasser und Ton sind überhaupt wichtige Bestandteile der Installationen Nina Canells. Flüssige und akustische Elemente ihrer Assemblagen verstärken den Eindruck der Lebendigkeit und verhelfen zu einer ganz eigenen zeitlichen und narrativen Logik. Oft werden Sound und Wasser miteinander kombiniert, wie in „Shedding Skin (Perpetual Current for Twenty-Four Buckets“ (2008), wo das Geräusch von Wassers und Nebel in einem Eimer über eine Trommelfell verstärkt und abgenommen wird. Oft rühren die seltsam klingenden Geräusche von den Prozessen vor Ort her, manchmal werden sie aus externen Situationen gewonnen und den Arbeiten zur Verfügung gestellt. Anschließend werden die Töne nicht selten in Kompositionen überführt. Gemeinsam mit ihrem Freund Robin Watkins produziert die 30-Jährige elektronische Musik für die sie Klänge aus ihren Arbeiten verwendet.


„Five Kinds of Water“: Nina Canell. Kunstverein Hamburg, 19.9. – 22.11., Eröffnung: 18.9., 19 Uhr

Published in SZENE HH, September 09







Clicky Web Analytics

Mittwoch, Mai 27, 2009

Neonleuchtfeuer


Der Bildhauer Thomas Straub spielt mit religiösen Symbolen, mit dem Profanen - und dem Feuer. Jetzt in der Tinderbox.

Dunkel ist es, unheimlich, aber auch weihevoll. Der Raum, nur von bläulichem Licht beschienen. Es entströmt einigen Neonröhren, die mit Ästen zu tripod-esken Skulpturen verbunden sind. Hier und da blitzt Blattgold auf. Die Arbeiten erinnern an Leuchtfeuer, jene historischen Feuerstellen, die einst Schiffe in den sicheren Hafen navigierten. Wie das Licht den Schiffsleuten in dunkler Nacht als Wegweiser und Orientierungshilfe diente, wollen auch Straubs Arbeiten erhellen. Es geht dem Karlsruher unter anderem um die Dekonstruktion religiöser Symbole und die Vereinnahmung dieser durch kapitalistische Praktiken. In der voran gegangenen Gruppenausstellung bei Tinderbox, war von Straub eine mit Blattgold beklebte Aureole zu sehen. Der Strahlenkranz, ursprünglich Kopfschmuck heiliger Häupter, stand hier lässig unprätentiös an die Wand gelehnt. Darüber gelegt, eine herausgerissene Feuilletonseite aus der FAZ, mit einem Bild des brasilianischen Supermodells Giselle Bündchen darauf. Oftmals bedient sich Straub einfacher Materialien, um das Profane im Sakralen herauszustellen. So sind Holz, Äste und Karton häufig verwendete Baustoffe. Besonders eindrucksvoll wie einfach ist Straubs Triptychon aus dem Jahr 2005, etwa 30 cm groß und aus Verpackungssperrholz. Durch kleine Scharniere können die Seitenflügel auf- und zugeklappt werden, mit dem Einsatz eines einzigen Fingers. Die auftretende Ambivalenz durch die Verwendung mächtiger Zeichen, hier das eines kirchlichen Flügel-Altars mit seiner dreiteiligen Form (Trinity!) auf der einen Seite - und das billige, „ehrliche“ Material andererseits sind typisch für Straubs Arbeitsweise. Oft nutzt der 33-Jährige riesige Billboards, um prophetische Botschaften zu verbreiten. „At the end there will be darkness“ - In Glasgow, wo der studierte Holzbildhauer jüngst ein DAAD-Stipendium absolvierte, prangte dieser Spruch in riesigen Lettern von einer in der McLellan Gallery aufgestellten Plakatwand. Dabei geht es Straub nicht um Werbewirksamkeit, sondern um dessen Sabotage: Der Slogan erscheint nämlich als ein zusammenhängendes Wort, das durch den Zeilenumbruch in gleichgroße Stücke zerteilt wird und somit eben nicht sofort erfassbar ist. Am Ende, Dunkelheit. Dieser Kommentar passt auch zur ersten und bisher einzigen Videoarbeit Straubs aus dem Jahr 2008. Als Motiv verwendet der Künstler ein in seinem Œvre oft wiederkehrendes religiöses Symbol, das des brennenden Dornenbuschs. In „Illumination“ werden aufgestellte, nackte Äste in völliger Dunkelheit entzündet. Eine leere Leinwand im Hintergrund kommt zum Vorschein, sie umrahmt das brennende Geäst. Man hört das Holz knacken, Grillenzirpen und eine wohl nicht weit entfernte Autobahn. Das Video dauert genauso lange, wie das Feuer brennt, etwa 6 Minuten. Dann wird die Leinwand nach und nach wieder von der Nacht verschluckt. Eine leise und zugleich eindringliche Arbeit…

Rigorose Dämmerung: Thomas Straub, Tinderbox, 6.6. bis 4.7. Bild: CO/Tinderbox

TEXT: CHRISTIANE OPITZ, SZENE HAMBURG, JUNI 2009

Clicky Web Analytics

Freitag, Januar 30, 2009

Schatten im Wind


In den Arbeiten der japanischen Malerin Miwa Ogasawara verschwimmen die Grenzen zwischen Wahrheit und Wirklichkeit. Vera Munro zeigt neue Werke.


Ein leichter Wind geht durch die Glastür. Der transparente Vorhang davor jedenfalls wellt sich in den Raum, zeichnet eine feine Lichtkante auf den Boden. Zarte Falten auf dem Stoff halten die Schatten fest, bevor sie wieder in ihr Reich verschwinden können. Der Ort ist in ein undefinierbares, zwielichtiges gelbgrau getaucht.
Ogasawaras Arbeiten klingen. Hier in diesem Raum mit dieser Tür und dieser unglaublich fein gemalten Gardine, hört man den Wind - und leise, wie der bewegte Stoff über den Boden streicht. Die Künstlerin, die 1973 in Kyoto geboren wurde, studierte an der HfbK bei Norbert Schwontkowski, Werner Büttner und Michael Diers. Über ihre Arbeit sagt sie: „. Meine Malerei verschlingt die reale Welt und spuckt ihre eigene Wirklichkeit aus. Das ist die Wahrheit, die nur durch Phantasie kreiert werden kann. Ich nehme das, was ich sehe und lasse entstehen, was durch mich und mit mir wird.“
Das was die Künstlerin nach dem Einverleiben wieder ausscheidet, sind vor allem Szenerien, Räume, spärlich mit Mobiliar ausgestattet, zumeist menschenlos. Spärlich ist auch das Licht, das Ogasawara auf Wänden und auf dem Boden ausgebreitet, wie eine warme Decke. Das Zusammenspiel von Hellem und Dunklen ist durchdacht. Gekonnt wird es eingesetzt, um Architekturen und Details herauszuschälen. Die Fläche des Bildes öffnet sich für verwinkelte und verzweigte Räume, wie in der großen Arbeit „Ohne Bild“ (2008). Hier gibt es nur zwei Zimmer, eines mit und eines ohne Lichtquelle. Das helle lässt sich nicht vollständig einsehen. Was verbirgt hinter der Wand? Platz im Überfluss – für eigene Bilder, nämlich die des Betrachters. Auch „Raum 5“ spielt mit Licht und Schatten. Eine Tür in der Mitte, dahinter ein heller Raum, aus dem halbkreisförmiges Licht hinausläuft. Die klar voneinander getrennten Flächen des Bildes bilden Wände und Böden. Je länger man jedoch hinsieht, desto unlogischer erscheint einem die architektonische Konstruktion. Eine Sinnestäuschung? „Bei mir endet die Suche nach der Klarheit immer in der diffusen Zone, in der Ambivalenz, sagt die Künstlerin.“ Diese Ambivalenz entsteht, wenn die Welt Ogasawaras mit der wirklichen Welt verschwimmt. Bei ihrer Arbeit lässt sich die Künstlerin von Philosophie, Musik und Literatur inspirieren. Besonders die Werke des Schriftstellers Haruki Murakami, die sie vor allem in ihrer Teenagerzeit las, haben die 36-Jährigte stark beeindruckt. Die gleiche melancholische Stimmung, mit der der Autor die zwiespältige, moderne japanische Gesellschaft mit ihren isolierten Menschen beschreibt – meint man auch in Ogasawaras Bildern wiederzufinden.

Miwa Ogasawara: Windhauch – neue Arbeiten, Galerie Vera Munro, bis zum 9. März

Foto © Galerie Vera Munro, 2009


Clicky Web Analytics

Mittwoch, Oktober 01, 2008

Der Allrounder


Katharina Bittel eröffnet ihre eigenen Galerieräume in der Admiralitätstrasse – mit dem Norweger Øystein Aasan.

Gespenstische wirkt diese alte, körnige Schwarz-Weiß-Aufnahme vom Planeten Saturn. Blass, die Kugel, der Ring drum herum, das Ganze als Studie des Himmelskörpers in unterschiedlichen Größen. Unter und neben dem Foto ein Text, der mit Akribie Buchstabe für Buchstabe in ein dafür vorgesehenes Quadrat geklebt wurde. Die Überschrift lautet: „Saturn, 1936 (Yellow Negative)“. 1936? Woher stammen diese Aufnahmen? Der erste Satz des Textes gibt darüber Auskunft: „Ich weiß nun mehr über diese Bilder, seit ich eine kleine Notiz fand mit dem Namen ‚Slipher’ darauf.“
Ich - das ist der norwegische Künstler Øystein Aasan. In seiner „Planeten- Serie“ hat er Abzüge von alten Negativen entwickelt, die ursprünglich von dem US-Forscher E.C. Slipher aus den 20er-30er Jahren stammen. Die Texte sind Gedanken, die er sich während der Suche nach dem Urheber der Negative, notiert hatte. Die Standardisierung des Textes durch die immer gleiche Typographie unterstreicht die Glaubwürdigkeit der Zeilen und ist zugleich auch ein ästhetisches Statement. Diese Standardisierungen begegnen einem bei der „Magazin-Serie“ erneut. Wieder wird mit kleinen Quadraten gearbeitet, die diesmal nicht mit Sprache sondern mit Bildinformationen besetzt sind. Für diese Serie trennte Aasan aus alten Ausgaben amerikanischer Magazine Titelseiten und Werbung heraus, schnitt die Seiten in kleine Kästchen und setzte sie in gleichmäßigen Abständen wieder zusammen, immer mit einer Leerstelle dazwischen. Durch das formale Raster wird das Motiv gestreckt, der Betrachter kann die einzelnen Bildportionen nur mit einiger Verzögerung im Kopf zusammensetzen.
Aasan arbeitet interdisziplinär, verknüpft Kunst und Architektur mit Sprache und historischen Referenzen. Er ist ein Allrounder - und das bezieht sich nicht nur auf seine inhaltliche Arbeit. Aasan ist nämlich außerdem noch als Kritiker und Musiker bekannt.
Diese Professionen versteht er als weitere Ausprägungen seines Künstler-Ichs. Als Kritiker schreibt er für das tschechische Umelec, das norwegische Site oder das Berliner Artfanzine Neue Review. Als Leadgitarrist und Sänger der Band ACO (Art Critic Orchestra) unterstreicht der Norweger mit Coverversionen politischer Songs sein Image als Großstadtakteur.
Die Ausstellung mit Øystein Aasans ist die erste Ausstellung Katharina Bittels in ihren eigenen Galerieräumen. Bittel war anderthalb Jahre als Juniorpartnerin von Jürgen Becker tätig, bevor sie vor wenigen Wochen die ehemaligen Räume von Karin Günther (jetzt im 4. Stockwerk) in der 3. Etage der Admiralitätstrasse 71 übernahm. Als nächstes plant sie Ausstellungen mit Natalie Czech und Carsten Fock.


Øystein Aasan: “Don’t look now”, Galerie Katharina Bittel, bis 1.11.


Published in SZENE HAMBURG 10/08
© Foto: Galerie Katharina Bittel, Text: Opitz/VG Wort 2008


Clicky Web Analytics

Mittwoch, Juli 30, 2008

Work in Progress



Der diesjährige Elbinsel Sommer nennt sich Kultur | Natur und erforscht mit künstlerischen Mitteln die Stadt im Klimawandel. Fast alle Werke entstehen vor Ort in Wilhelmsburg

Dass es klimatechnisch fünf vor zwölf steht, ist kein Geheimnis.Dürrekatastrophen, Tsunamis, Wetterchaos – jeden Tag hören wir in den Nachrichten davon. Noch scheinen die betroffenen Orte noch weit entfernt. Doch bald schon – auch das ist kein Geheimnis – werden auch wir die Folgen des weltweiten Klimawandels vor der eigenen Haustür deutlich zu spüren bekommen. Umso wichtiger ist es, sich über die
kulturellen geprägten Vorstellungen über Natur klar zu werden.Einen Beitrag dazu möchten die Kuratoren Anke Haarmann und Harald Lemke leisten. Unter ihrer Ägide steht die Kunst-Plattform des diesjährigen Elbinsel Sommers, das den Stadtraum im Hinblick auf das Verhältnis von Natur und städtischer Kultur hin befragt Anders als der erste Elbinsel Sommer, der 2007 zum Auftaktjahr der Internationalen Bauausstellung IBA mit einem so üppigen Programm antrat, dass man es kaum noch wahrnehmen konnte, setzt Kultur | Natur auf eine überschaubare Anzahl von Aktionen und eine starke Beteiligung aus dem Stadtteil. Interessant ist dabei, dass nicht nur Künstler, sondern auch Initiativen und Einrichtungen aus Wilhelmsburg an einer Kunst-Plattform mitwirken, bei dem sie auf internationale Theoretiker und Künstlergruppen und Künstler treffen. Praxis und Theorie kommen bei Kultur | Natur gleichermaßen zum Zug: So wirbt ein Parcours mit von Hamburger Kindern und Erwachsenen gestalteten Plakaten entlang der Strecke von St. Pauli nach Wilhelmsburg dafür, dass dort endlich ein Fahrradweg gebaut werden muss. In „Ausflügen des Denkens“ wird nachgedacht und zugehört, aber auch zusammen mit Wilhelmsburg-Experten und internationalen Gästen, wie der amerikanischen Philosophin Lisa Heldke, die gegensätzliche Natur der Elbinsel erkundet. In einem leer stehenden Café am malerischen Veringkanal entsteht ein „Archiv der Künste“, das in den letzten Jahren entstandene künstlerische Positionen zum Thema Ökologie versammelt und quasi „recycled“.
Auch von den aktuellen Projekten der ortsansässigen und internationalen Künstler wünschen sich Haarmann und Lemke Nachhaltigkeit und eine dauerhafte Bereicherung der städtischen Kultur. Deshalb haben alle beteiligten Künstler und Künstlergruppen, Ala Plastica aus Argentinien, Critical Art Ensemble (CAE) aus New York, Susan Leibovitz Steinman aus den USA über mehrere Wochen in Wilhelmsburg gelebt, Kontakte geküpft und ihre Arbeiten aus der Situation heraus entwickelt. Nur die Hamburgerin Nana Petzet kannte sich schon aus - sie wohnt seit einiger Zeit auf der Elbinsel - und
hat sich die Peute als Ort ihres Projektes „Peutengrund“ ausgesucht. CAE, die Provokateure von der amerikanischen Ostküste, machten in Deutschland zuletzt 2007 in ihrer Leipziger Ausstellung „Germs of Deception“ („Bakterien der Täuschung“) von sich Reden, als sie in der Halle 14 der Baumwollspinnerei eine harmlose Substanz freisetzten, die bisher von verschiedenen Militärorganisationen benutzt wurde, um
die Verbreitung von Erregern zu simulieren. Anhand von im Raum verteilten Petrischalen, konnten die Besucher Rückschlüsse über die Verteilung von Mikroorganismen ziehen - der Kunstraum wurde zum Labor. Mit seinen Installationen, Vorträgen und Performances hinterfragt und entmystifiziert das CAE die Gentechnologie und die Gefahr des Einsatzes von biologischen Waffen. Eigentlich klar, dass die Künstler dieses Kollektivs mit ihren Aktionen, besonders nach dem 11. September, in ihrer Heimat aneckten. Vor drei Jahren wäre CAE-Gründer, Steve Kurtz, fast für 20 Jahre hinter Gitter gewandert, weil man ihn für einen Bio-Terroristen hielt. An welchen Orten in Wilhelmsburg das CAE forschen wird, bleibt abzuwarten. Mögliche Wirkungsbereiche gibt es genug, wie etwa der Hafen oder die idyllischen, aber verseuchten Kanäle.
Bei Ala Plastica die Vernetzung künstlerischer Denk- und Arbeitsweisen mit der Entwicklung von Projekten im sozialen und ökologischen Bereich verknüpft. Die Gruppe wurde 1991 gegründet. Eigentlich widmen sich die Kunstaktivisten eher den Umweltproblemen in ihrer Heimat. 2004 kamen sie jedoch auf Einladung der Galerie für
Landschaftskunst auch nach Hamburg, um ein Konzept zur Renaturierung des Flusses Wandse zu erarbeiten. Dabei vernetzten sie sich in typischer Manier vor Ort mit unterschiedlichen Interessensgruppen. Was sie für die Elbinsel entwickeln, wird sich erst zeigen, wenn Kultur | Natur im September offiziell zu Ende geht - das Ala-Plastica-Projekt wird dann hoffentlich weiter kommunikative Früchte tragen.

Eröffnung mit einem Fahrrad-Umzug entlang des Plakat Parcours, 16.8., 15 Uhr, Treffpunkt: Alter Elbtunnel (St.Pauli).

Text: C. Opitz, Published in Szene Hamburg 08/2008
Bild: © Kultur | Natur


Clicky Web Analytics

Dienstag, Juli 01, 2008

Von Wiesen und Wäldern


In ihrer zweiten Gruppenausstellung zeigt die Galerie Hafenrand in St. Georg fünf Positionen zum Thema Landschaft.

Der Farbauftrag wirkt flüchtig, ausdrucksstark, leidenschaftlich. Rot, blau, gelb, grün – sämtliche Farben des Regenbogens lassen die Seele nicht unberührt. Vor dem Betrachter entfalten sich Seerosenteiche, Blumenwiesen, bunt bewachsene Hügel, Waldlichtungen. Man braucht nicht viel Phantasie, um die abstrakten Formen und Flächen, die sich eigentlich nicht unmittelbar auf Gegenständliches beziehen, zu eben diesen Landschaften zusammenzusetzen.
Doch diese Bilder halten nicht lange Stand. Schaut man länger hin, schmelzen die Pflanzen und Bäume zu amorphen Gebilden, zu Zellhaufen zusammen. Die Naturdarstellungen Magdalena Sadziaks bieten ein Refugium, einen Rückzugsort vom alltäglichem Hin und Her. Gleichzeitig feiern sie farbenfroh und temperamentvoll die Schönheit von Wiesen und Wäldern.
Im Gegensatz zu Sadziaks Arbeiten sind die großformatigen Pastellzeichnungen von Friederike Jokisch, die in Leipzig Malerei bei Arno Rink und Neo Rauch studierte, konkreter. Und düsterer. Bei Jokisch breiten sich unter grau-schwarzem Himmel Landschaften aus, die unheimlicher und seltsamer nicht sein könnten. Hier ein Feld, in dem, tiefe Tümpel wie schwarze Löcher darauf zu lauern scheinen, alles zu verschlingen, was des Weges kommt. Dort eine rätselhaft kultivierte Landschaft mit ihren immergleichen, kegelförmigen Bäumen und Schatten. Irreal wirken diese Orte, nicht von dieser Welt.
Sveinn Fannar Johannsson wiederum beschäftigt sich mit realen Landschaften seiner nordischen Heimat, die jedoch noch modifiziert werden. Der 1977 in Reykjavik geborene Künstler fokussiert in seinem Videos und Fotografien auf die „Künstlichkeit“ von Natur. Johannsson nimmt Eingriffe vor, pflanzt um, kappt, sägt. Wenn er damit fertig ist, ist nichts mehr wie zuvor. Auf der Fotografie „Zurrgurt mit Ratsche“ (2007) beispielsweise schmiegen sich drei junge Birken schützend aneinander. Könnte man denken. Tatsächlich hat hier der Künstler nachgeholfen, wie es der Titel verrät.
Die Vierte im Bunde, Yvette Kiessling, zeigt Radierungen und Malereien, die auf Reisen entstanden sind, also im direkten Kontakt zur Natur. Auf eine exakte Wiedergabe jedoch legt die Künstlerin keinen wert. Vielmehr geht es ihr um genaue Beobachtungen von Licht, Geografie und Flora. Der letzte Beitrag zum Thema Landschaft stammt vom Künstlerduo Rindfleisch/Rapedius. Sie imitieren Natur auf humorvolle Weise. Stichwort: Pappbecher.

Friederike Jokisch, Rindfleisch/ Rapedius, Magdalena Sadziak, Sveinn Fannar Johannsson
Yvette Kiessling: „Ohne mich stehst du im nichts“, Galerie Hafenrand (St. Georg), Eröffnung: 2.7., 19 Uhr, bis 12.9.

Bild:© Galerie Hafenrand, Text: © VG WORT, Christiane Opitz

PUBLISHED IN SZENE HH, JUNI 2008






Clicky Web Analytics

Dienstag, Juni 10, 2008

KILL KILL KILL


Die neue Galerie Conradi widmet ihre erste Ausstellung der Hamburger Künstlerin Cordula Ditz

Ängstlich schleicht das Teenagermädchen durch das dunkle Gebäude. Unheilvolle Musik. Dann, plötzlich, ein gellender Schrei! Schnitt. Das Mädchen liegt am Boden. Blut ist überall. Der maskierte Mörder hat wieder zugeschlagen.
Wer kennt sie nicht, die nervenzerfetzenden Gruselschocker aus dem Kino. Carrie von Stephen King, Nightmare of Elmstreet oder Poltergeist haben wohl jedem von uns schon einmal schlaflose Nächte bereitet. Das Schocker-Prinzip ist immer dasselbe: Zuerst wird eine idyllische Kleinstadt mit unglaublich netten Nachbarn und harmlosen Jugendlichen präsentiert, die dann von irgendeinem Superfreak – einem Michael Myers oder Freddy Krueger – in Angst und Schrecken versetzt wird. Die Fallhöhe muss hoch sein, um absoluten Horror zu garantieren.
Dass die Künstlerin Cordula Ditz ein eingefleischter Horrorfilm-Fan ist, lässt sich nicht leugnen. Ihre Malereien, Collagen und Videoarbeiten sind Zeugnisse ihrer Faszination für die Ästhetik des Unheimlichen, wie sie in Fantasy-, Horror- und Trashfilmen angelegt ist. Die Welt der Dämonen und Monstren wird von der 1972 in Hamburg geborenen Künstlerin in Hinblick auf ihre mediale Wirksamkeit untersucht, seziert und humorvoll kommentiert. Für die Videoarbeit „Nightmare on Elmstreet 2:36:21“ beispielsweise eliminierte sie alle Menschen und Tiere, was den Film von einer Länge von 90 Minuten auf zweieinhalb Minuten zusammenschrumpfen lässt. Wie ergeht es dem Horrorschocker, wenn die ängstlich flüchtenden und sterbenden Hauptfiguren fort sind? Wirkt der Film ohne seine aufgerissene Münder und starren Augen überhaupt noch? Ditz zeigt, dass eine unheimliche Atmosphäre auch den Settings des Films innewohnt. Verlassene Räume, spärliches Licht – erstaunlich, aber auch ein menschenleerer Horrorfilm kann Angst machen.
Genau wie ihre Videos spielen auch ihre Malereien, meist mit Acryl und Sprühfarbe auf großformatiger Leinwand gefertigt, mit Versatzstücken. Oft ist es ein Ausspruch oder Satzfragment aus einem Horrorklassiker, der in die expressiven, trashig-abstrakten Arbeiten eingebaut ist. „I make you die slowly“, „Dreh dich nicht um“ oder schlicht: „Kill Kill Kill“ lauten die Titel ihrer Bilder.
Mit Cordula Ditz öffnet die neue Galerie Conradi im Schopenstehl 20, unweit der Mönckebergstraße, zum ersten Mal ihre Türen. Die Betreiberin, die sich den Galerienamen von ihrem Lebensgefährten borgte und fast drei Jahre nach passenden Räumen suchte, ist im Hamburger Kunstfeld keine Unbekannte. Elena Winkel machte sich vor allem durch die Index-Ausstellung, die jedes Jahr junge Kunst aus der Hfbk zeigt, einen Namen.

Cordula Ditz, Galerie Conradi, Schopenstehl 20 (Hamburger Innenstadt), Eröffnung: 13.6. um 19 Uhr, bis 25 Juli.

text: christiane opitz, published in szene hamburg, june 2008

foto © galerie conradi/ cordula ditz





Clicky Web Analytics

Dienstag, Mai 06, 2008

Reconstructing Future


Im Werk von Romana Schamlisch treffen futuristische Stadtlandschaften auf wissenschaftliche Interieurs

Der erste, unmittelbare Wahrnehmungsreiz ist ein akkustischer. Es rattert. Der ganze Raum ist davon erfüllt. Das Geräusch, gehört zu einem laufenden 16mm-Projektor. Dann fällt eine ungewöhnliche Konstruktion ins Auge: Das Filmband wird über Rollen über die gesamte Höhe der Galerie, über Decke und Wände geleitet, so dass der Eindruck entsteht, sich selbst innerhalb eines filmischen Apparates zu befinden. Der zweite Blick schließlich gehört dem projizierten Bild. Gezeigt wird der Film „Paléontologie“, der in einem Museum aufgebaute Skelette zeigt. Das unstete Kamerabild versetzt die toten Knochen in Bewegung – und den Ort ins Wanken.
Romana Schmalisch untersucht Fiktionen und Utopien, wie sie in futuristischer Literatur, aber auch in angeblich objektiver Wissenschaft Ausdruck finden. Der Titel der Ausstellung “Il braccio di Lucifero si pone 645 1/3 braccia“ ist einer Untersuchung entnommen, die sich auf die detaillierten Beschreibungen Dantes in der „Göttlichen Komödie“ stützt und behauptet, die genaue Armlänge Luzifers berechnen zu können. Auch Schmalisch greift Dantes Maßangaben auf. Ihre Arbeit „Hölle im Durchschnitt“ zeigt einen Lavastein in den neun Ringe hineingefräst wurden, maßstabsgetreu, nach den damaligen Berechnungen. Mit diesem Beitrag reiht sich die 32-Jährige in eine lange künstlerische und wissenschaftliche Tradition ein, in der Künstler seit dem 14. Jahrhundert versucht haben, Dantes Schilderungen der Passage durch Hölle, Fegefeuer und Paradies nachzuvollziehen und darzustellen. Schmalisch, fasziniert von diesen utopischen Manifestationen, begab sich auf die Suche nach anderen visionären Entwürfen. Sie fand sie in paläontologischen Museen, in der futuristischen Architektur indischer Observatorien oder in den Glasbauten des Architekten Bruno Taut, die er in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Paul Scheerbart im frühen 20. Jahrhundert entwickelte. Letztere hat sie in der Ausstellung nachempfunden. Unter kuppelförmigen Glocken hat die Künstlerin filigrane Glaszylinder aufgestellt, die wie Reagenzgläser geformt sind. Unterschiedlich groß und immer anders gruppiert, fungieren sie als Modelle jener gigantischen Himmelstädte, die in Scheerbarts Roman „Lésabendio“ (1915) beschrieben wurden.
Es macht großen Spaß, Romana Schmalisch dabei zuzusehen, wie sie historisch gewachsene, auf wissenschaftliche Erkenntnisse basierende Dogmen mit einem Augenzwinkern ins Wanken bringt und sich für ihre Arbeit zu Eigen macht. Ein gelungener Beitrag zum immer noch boomenden „Art and Science“-Trend.

Romana Schmalisch: “Il braccio di Lucifero si pone 645 1/3 braccia“, Galerie Karin Guenther, bis 7.6.

PUBLISHED IN SZENE HAMBURG, MAI 2008, Bild: © Galerie Karin Guenther, Text: Opitz

Clicky Web Analytics

Dienstag, Februar 05, 2008

Ordnung der Dinge


Der Künstler Nir Alon macht Möbel zu Stars in einem Schauspiel

Es blättert Farbe ab von den kleinen Tischen, Kommoden und Stühlen, die hier so kunstvoll übereinander gestapelt sind. Kein Wunder, denn die Möbel sind gebraucht. Sie stammen von einem Second-Hand-Laden in Harburg. Dort kaufen eigentlich Menschen ein, denen selbst Ikea noch zu teuer ist. Und eben der in Hamburg lebende israelische Künstler Nir Alon. In der Galerie Tinderbox präsentiert er diese durchgesessenen Sessel, zerkratzten Schränke und wackligen Tischchen als Installation, die raumfüllend die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich zieht. Dabei schmiegen sich die über- und nebeneinander angeordneten Einrichtungsgegenstände ganz natürlich an die Galeriewand an.
Es ist eine neue Ordnung, die Alon hier vornimmt und sie erregt nicht den leisesten Zweifel. Alles – so scheint es – befindet sich genau am richtigen Platz. Selbst die drei Möbelstücke, die einzig von einem klapprigen Bürostuhl gehalten werden oder der dunkle Schrank mit den Glastüren, der auf einem viel zu kleinen Tisch steht. Doch dann, plötzlich, wirken die Gegenstände mit ihren Gebrauchsspuren doch etwas fremd im cleanen White Cube der Galerie. Wie Auswanderer in einer neuen, noch unbekannten Heimat. Wie Alons Eltern, die einst von Europa aus in den Nahen Osten immigrierten oder wie der Künstler selbst, der die umgekehrte Richtung einschlug.
Die Vergangenheit seines Materials, die auch bei der „arte povera“ eine zentrale Rolle spielte, ist für Alon wichtig. Die hölzernen Möbel erzählen von vielen Geschichten, Gefühlen und Dramen - von einem Leben vor ihrer Zeit als Teil eines Kunstwerks, als noch auf ihnen gesessen oder an ihnen gespeist wurde. Doch Mitleid erregen will der Künstler nicht. Vielmehr inszeniert er die alten Helden des Alltags, wie Stars in einem Schauspiel, indem er indem er ihnen eine Bühne bereitstellt, sie mit Licht ausstattet und sie dann wohlwollend den Blicken der Besucher überlässt.
Teil des Spiels sind auch die zahlreichen kunstgeschichtlichen Verweise. Von Dada, Environment-Kunst, die die Trennung von Kunst und Leben zu überwinden suchte, über Aktionskunst der 60er Jahre, Objektkunst bis hin zu Fluxus. Namen, wie Robert Rauschenberg, Marcel Duchamp oder Joseph Beuys fallen einem ein. Letzterer hatte in seiner Arbeit „Erdbeben im Palast“ von 1981 ebenfalls Möbel und verschiedene Alltagsgegenstände verwendet.

Nir Alon: The state of things, Tinderbox, Billwerder Neuer Deich 72 (Rothenburgsort), bis 15.2. Infos unter: www.tinderbox-art.com


SZENE HAMBURG, 02/2008, Text: Christiane Opitz
FOTO: Tinderbox

Mittwoch, Januar 09, 2008

Pawlow´sche Fäuste


Georg Baselitz wird in diesem Monat 70 Jahre alt. Die Deichtorhallen zeigen aus diesem Anlass erstmals die "Russenbilder" des Malers, der die Kunst auf den Kopf stellte

Bevor sich Georg Baselitz seinem eigenen Werk zuwandte, indem er seine bekanntesten Bilder wie "Helden" oder "Orangenesser" ganz neu re-mixte, arbeitete er zwischen 1998 bis 2002 an einer Reihe von Motiven, die ebenfalls stark mit seiner Biografie verknüpft sind: Werken des Sozialistischen Realismus. Mit ihnen kam der junge Baselitz in den fünfziger Jahren in Berührung. Unter anderem in Schulbüchern waren die "Russenbilder", wie sie der Künstler etwas verächtlich nennt, abgebildet und am 1949 in der DDR als einzig zulässiger Stil progagiert worden. Zu sehen waren die üblichen Szenen: Geschichtsträchtige und zukunftsweisende Ereignisse der jüngsten russischen Geschichte, Kampfszenen aus dem Zweiten Weltkrieg und der Aufbau einer neuen kommunistischen Gesellschaft auf dem Lande. Nicht zu vergessen, Portraits von Lenin und Stalin sowie Darstellungen bekannter Wissenschaftler und einfacher Arbeiter, die als "Helden der Arbeit" zu Vorbild avancierten.
Baselitz wurde am 23. Januar 1938 als Hans-Georg Kern in Sachsen geboren, später sollte er seinen Künstlernamen von seinem Geburtsort Deutschbaselitz ableiten. Bevor er 1958 in den Westen übersiedelte, bekam er die Anfänge des Sozialistischen Realismus unmittelbar mit - er studierte in Ost-Berlin unter anderem bei Walter Womacka, einem der Hauptvertreter. Dass Baselitz diese ästhetisch verordnete und politische aufgezwungene Kunstgattung in seinen "Russenbildern" erneut hernimmt bedeutet für ihn ganz offensichtlich Versöhnung und Abrechnung zugleich.
Spannend wird es, wenn man erkennt, dass die Vorbilder selbst schon ambivalent waren. Auf dem Original von M.W. Nesterow "Portrait des Mitglieds der Akademie I.P. Pawlow" sitzt der Psychologe Pawlow an einem Tisch, die Arme weit nach vorne gestreckt, die Hände auf einem Arbeitsheft ruhend. Starr fixiert er einen Blumentopf auf dem Tisch. Entgegen des propagandistischen Dekrets, den Mann Zuversicht und Stärke ausstrahlen zu lassen, wie jemand, der sich mit aller Kraft in den Dienst seinen Landes stellt, haftet diesem grauhaarigen Herren beileibe nichts Heroisches an. Im Gegenteil. Alt und einsam wirkt er. Aufs Abstellgleis geschoben. Baselitz greift dieses Motiv 1998 auf. Anders als in den meisten seiner Werke steht das Bild nicht auf dem Kopf, sonder n ist lediglich um 45 Grad geneigt. Das bedeutet: Pawlow, dem der Künstler das Antlitz seines eigenen Vaters lieh, hängt förmlich in der Luft. Das Bild besteht aus eindrucksvoll leicht dahin getupften Pinselsprenkeln in Braun-Rot, Schwarz, Blau und Gelb, die an manchen Stellen spärlicher, an anderen dichter die Fläche besiedeln.
Konzentriert hat sich Baselitz in erster Linie auf die Figur und seine direkte Umgebeung. Tisch und Blumen sind nur grob skizziert und verorten sich in einer seltsam armen Weißfläche im unteren Drittel. In diese ragen nur die Hände hinein, was den Fokus auf die geballten Fäuste richtet, und somit auf diese Geste der Verzweiflung. Durch die Drehung des Motivs sind die Pawlow´schen Fäuste zum Dreh-und Angelpunkt geworden. Auf ihnen ruht nun die ganze Last.
Einsamkeit. Depression und Tod verstecken sich hier zwischen den heiteren, expressiv hingetupften Farben. Diese Gleichzeitig von Unbeschwertheit und Schwere begegnet man öfter auf den "Russenbildern", die aus vier stilistisch sehr unterschiedlichen Serien bestehen. In der Ausstellung hängen sie in nicht-chronologischen Reihenfolge: die pointilistischen Gemälde (1999), die Kriegsbilder (1998-1999), Lenin und Stalin (1998-2002) und die Lochbilder (2000-2002). In ihnen träte die "Malerei besonders frei und ungebunden in Erscheinung", schreibt Deichtorhallen-Direktor Robert Fleck im Katalog. So scheinen sie die malerisch starren Vorbilder geradezu aus den Angeln zu heben. Sogar ein Kriegsbild wie "Nach der SChlacht" (1999) vermag dies. Es ist ein Ölbild, das aber so verwaschen wie ein Aquarell daherkommt. Von weitem betrachtet mutet es wie ein abstraktes Blumenbild an. Warme Farben, wie pink, violett und gelb dominieren. Doch dann erkennt man Soldaten, Gewehre, Stiefel, einen Hund...

CHRISTIANE OPITZ
Published in SZENE HAMBURG, January 2008
Foto: Wolfgang Neeb, Georg Baselitz

Sonntag, Dezember 02, 2007

Space is the Place


Inside the Black Cube - Thomas Baldischwyler untersucht das Scheitern der Naturabbildung

Realität oder Täuschung? Der große Raum der Galerie für Landschaftskunst wirkt kleiner als zuvor. Diese Stauchung jedoch ist kein optischer Trick. An der Stirnseite wurde eine Wand eingezogen. Diese und eine zweite hat der Künstler Thomas Baldischwyler, der hier zur Zeit seine jüngsten Arbeiten präsentiert, komplett schwarz gestrichen, was den Eindruck einer Verknappung des Raums noch verstärkt. Ein zusätzlich angefertigtes Podest, ebenfalls schwarz, vervollständigt den Black Cube, den Baldischwyler speziell für seine Arbeiten schuf.
Und es ist nicht irgendein Raum, den der Künstler und Musiker hier installierte, denn die dunklen Flächen verkörpern die unendlichen Weiten des Alls. Die Exponate an den Wänden - Mischformen aus Fotografie, Malerei und Objekt - sowie der Tisch mit Texten und Abbildungen darauf sind Baldischylers Beiträge zum Scheitern einer exakten Übersetzung von Natur auf Leinwand oder Papier.
Im Sinne des postmodernen Samplings sind Baldischwylers Arbeiten theoretisch angereichtert und verweisen sowohl auf Kunsthistorisches, wie beispielsweise die englischen Präraffaeliten und ihren Zeitgenossen John Ruskin (1819-1900), als auch auf popkulturelles Material wie Texte und Plattencover des Detroiter Musikproduzentenkollektivs Underground Resistence. So unterschiedlich die Quellen auch sind, alle eint das Verlangen, Natur als Natur abbilden zu wollen, ohne die menschliche Komponente hinzuzunehmen. Ein Unterfangen, das nur misslingen kann und wohl für alle Zeit ein Versprechen bleiben wird.
Dennoch versucht sich auch Baldischwyler an einer Übersetzung. Für "Nightfall" hat er verschiedene Jeansstoffe zusammengenäht, auf Holz aufgebracht, mit künstlichem Licht eine Tag-Nacht-Grenze geschaffen und das ganze fotografiert. "Iwasaki" heißt eine andere Arbeit, die sehr typisch für die momentane Arbeitsweise Baldischwylers ist. Als visueller Stoff wird ein Bild des japanischen Airbrush-Künstlers Iwasaki hergenommen, das eine fantastische Weltallimpression samt Sternenspektrum, zeigt.
Zur künstlerischen Praxis gehören nun eine ganze Reihe von Arbeitsschritten aus Abfotografieren, Bemalen, Einscannen und Vergrößern. Am Ende entsteht ein Werk, das den Betrachter mit mit Bedacht gewählten Details an der Nase herumzuführen versteht, indem es Dreidimensionalität vorgaukelt, wo keine ist.

"Jupiter und Saturn have not yet cooled off", Galerie für Landschaftskunst, bis 2.2.2008; www.gflk.de

Christiane Opitz for SZENE HAMBURG 12/07
Foto: © Galerie für Landschaftskunst/ Thomas Baldischwyler

Montag, November 12, 2007

Neue Utopien


Der kroatische Künstler David Maljkovic betrachtet kulturelles Erbe aus der fernen Zukunft

Unheilvolles Brummen erfüllt den Raum, der teilweise mit Rigipsplatten verkleidet ist. Es klingt wie der Motor eines Raumschiffes. Dann tut sich eine Schneelandschaft auf. Die Fahrt geht rasant. Die Kamera filmt ein silbern glänzendes Space-Auto, das sich in kurvigem Gelände seinen Weg bahnt. Die Reise führt zu einem Gebäude mit nicht minder futuristischer Äußerem. Genau wie der Wagen schimmert seine metallische Außenhaut in der Sonne. Die "Besucher", die dem Auto entsteigen und das seltsame Gebäude staunend in Augenschein nehmen, kommunizieren in einer fremdartigen Singsprache miteinander. Ist dies ein heiliger Ort, fragen sich die Fremden? Nein, so kommen sie überein. Ein Gott existiert hier nicht. Was gibt es hier zu tun? Umfunktionierung, lautet ein Vorschlag.
Und genau das macht auch David Maljkovic. In seiner Videoinstallation "Scenes for New Heritage" setzt sich der kroatische Künstler mit dem von Vojin Bakic (1905-1992) erbauten Denkmal in Petrova Gora auseinander, konnotiert es durch seine künstlerische Auseinandersetzung neu. Der modernistische Bau, das muss man wissen, ist Teil des kollektiven Gedächtnisses seiner Generation (Maljkovic ist Jahrgang 1973). Während der 1980er Jahre war das Kriegsopfer-Mahnmal ein obligatorisches Ausflugsziel für die kommunistische Jugend. Als Maljkovic 2003 nach Petrova Gora zurückkehrte, fand er den einstigen Vorzeige-Bau vollkommen vernachlässig vor. Er war erstaunt über das überwältigende und faszinierende Gefühl der Absenz, das dieser, in seiner Erinnerung so lebendige Ort, plötzlich hervorrief. Er begann, an dem Drehbuch für eine Videoserie zu schreiben. 2004 entstand dann der erste Teil der Trilogie "Scenes for New Heritage", der im Mai 2045 spielt. 2006 folgten dann Teil zwei und drei. Warum spielen Maljkovics Szenen in der Zukunft? Um dem historischen Ort eine neue Ebene zu geben, die eine geschichtliche und politische Deutung ausklammert. Ihn beschäftigt die Tatsache, dass ein ehemals so mit Bedeutung aufgeladener Ort zu einem leeren Raum werden kann. Diese Leere betont Maljkovics, indem er eine zukünftige Zeit wählt, die keine Linearität mehr zur Vergangenheit aufweist. "Ich nutze den Raum der Zukunft als ein Element von Offenheit," erklärt der 34-Jährige dazu in einem Interview mit der Kunsthistorikerin Natasha Ilic. Als Vor- und Nachbereitung zu seinen Videoarbeiten sieht Maljkovic seine Collagen, die aus zeichnerischen Elementen, Folien und Schrift bestehen und die im zweiten Raum des Kunstvereins zu sehen sind. Keinesfalls sollten diese jedoch als didaktisches Zubrot verstanden werden. Es sind völlig eigenständische Arbeiten, die dem Betrachter neue Utopien eröffnen.


David Maljkovic: Almost Here. Kunstverein in Hamburg, bis zum 18.11.


Published in SZENE HAMBURG 11/07 by Christiane Opitz
Foto: "Szene for new heritage", Whitechapel Art Gallery, London, 2007

Montag, September 10, 2007

Mandla Reuter – PICTURES


Nichts ist mehr privat. Diesen Eindruck könnte man jedenfalls gewinnen, wenn man heutzutage den Fernseher einschaltet und – ohne es zu wollen – Gast in den nachbarlichen Wohnzimmern wird. Dort beobachtet man dann Hinz und Kunz beim Kochen, Einrichten und Erziehen. Auch der in Berlin lebende Künstler Mandla Reuter widmet sich dem Privatraum, allerdings auf eine subtilere Weise. In einer 50-Quadratmeter-Wohnung in Kirchdorf-Süd richtet er ein temporäres Kino ein, komplett mit 35mm Projektor und Soundanlage, ganz so wie in einem echten Kinosaal - und deklariert damit den heimischen Lebensraum zum öffentlichen Lichtspielhaus. Im Programm: ein aktueller Blockbuster, wie er gerade auch in den kommerziellen Kinos läuft. Außerhalb des Gebäudes auf Höhe der Wohnung im 13. Stock kündigt ein großes Neonschild die Vorführzeiten und den projizierten Film an. Die Fragen, die der Künstler mit diesem Projekt aufwirft, streifen nicht nur den politischen Diskurs zum öffentlichen Raum, sondern kreisen auch um Kulturgebrauch, Wahrnehmung und Funktionsweisen der Raumnutzung. In erster Linie aber wird hier ein Spannungsfeld erzeugt. Dort wo die Öffentlichkeit in Gestalt des fremden Kinogängers auf das intime Zuhause einer Privatperson trifft, könnte sich etwas entwickeln, das zwischen Gastfreundschaft und Unbehagen changiert und wofür Jacques Derrida den Begriff der „Hostipitalité“ (zu deutsch: Gastfeindschaft) prägte. Wir wollen es nicht hoffen.


Mandla Reuter (Berlin): Pictures, Erlerring 10, Kirchdorf-Süd, Öffnungszeiten und Film (Die Simpsons): Mi., Sa., So. 19:30 Uhr bis 22:30 Uhr

Christiane Opitz, for SZENE HAMBURG 09/2007

Dienstag, August 07, 2007

Unverdünntes Leben




Frivoles Nachtleben, Großstadttypen und soziale Randbezirke – Das Bucerius Kunstforum zeigt 100 Aquarelle, sowie drei illustrierte Kinderbücher des Erfinders der Neuen Sachlichkeit, Otto Dix.

Die Menschen, die Dix malte, sind alles andere als schön. Dürre, skelettartige Frauenkörper, ausgemergelt, die Brüste schlaff herunterhängend, so begegnen dem Betrachter Animierdamen im Berlin der Goldenen Zwanziger. Aus bunt geschminkten, greisen Fratzen schauen ihre Augen starr und kalt geradeaus. Auf den Straßen sieht es nicht besser aus. Kriegskrüppel, mit Loch im Gesicht oder einem Holzbein, gelbsüchtige Kranke, Mörder. Sind die Menschen auf Dix’ Bildern nicht krank, vom Verfall gezeichnet oder schon tot, hocken sie einsam auf Balkonen herum oder blicken stumm, wie ein älteres Ehepaar in der Zeichnung „Das Fenster“ (1923), am Leben vorbei.
Dix war ständig auf der Jagd nach dem, was er selbst das „unverdünnte Leben“ nannte. Aus diesem Grund begab er sich in die Rotlichtbezirke und Salons, auch außerhalb Berlins, und dokumentierte dort Szenerien, die von fatalistischer Amüsiersucht einerseits und dem zwanghaften Verlangen nach spießiger Aufgeräumtheit andererseits zeugten. Dix, der sich auf Selbstportraits stets als gut gekleideten Dandy inszenierte, sah sich als „Auge der Welt“. Seinem analytischen Blick sollte kein gesellschaftliches Konstrukt, keine menschlichen Schwächen, keine Doppelmoral verborgen bleiben. Formal presste er seine Eindrücke nicht in ein stilistisches Korsett, sondern verfuhr mit Pinsel und Stift so, wie es ihm die Realität diktierte. Dazu überzeichnete Dix, bis ins Groteske, aber nur um das wahrhaft Abgründige hervorzukehren.
Ein Motiv zieht sich wie kein zweites durch Dix’ Werk, die bekannte, hier gespenstisch anmutende Allianz zwischen Eros und Thanatos. Auf dem Bild „Älteres Liebespaar“ (1923) hat es sich ein hochbetagtes Duo auf der Chaiselongue bequem gemacht. Während sein linker Arm auf ihren fleischigen Schultern ruht, ist seine rechte, knochige Hand in ihrem entblößten Schritt zugange. Ihre geilen Körper wollen Leben, sind jedoch dem Tod viel näher.
Trotz dieser essentiellen und somit eher „schweren“ Sujets (oder gerade deshalb?), sind Dix’ Motive nicht frei von humorvollem Bildwitz, der von derbe bis feinsinnig variiert und der formal durch einen karikaturistischen Zeichenstil betont wird. So werden besonders die Spießbürger jener Zeit mit ihrer steifen Korrektheit der Lächerlichkeit preisgegeben. Scheinbar sanftere Töne schlägt der Künstler in seinen farbenfroh illustrierten Kinderbüchern an, die er für seinen Neffen und seine eigenen Kinder anfertigte und von denen drei in der Ausstellung zu sehen sind. Artisten, Cowboys und wilde Tiere tollen hier fröhlich über die Seiten. Doch Obacht. Dix wäre nicht Dix, wenn nicht auch hier und da versteckt das Unheil lauern würde...



Otto Dix: Geisterbahn und Glanzrevue. Aquarelle und Gouachen, Bucerius Kunstforum, bis zum 9.9.


PUBLISHED IN SZENE HAMBURG 8/2007 BY CHRISTIANE OPITZ


© VG Bild-Kunst, Bonn 2007
Foto: Christie's Images Ltd 2007

Sonntag, Juni 17, 2007

Die Welt macht dick



In den Deichtorhallen spielen sich merkwürdige Szenen ab. Aus der Sofalehne ragt ein menschliches Bein. Stühle werden ihrer Funktion enthoben und wie ausgefallene Accessoires um den Leib geschlungen. Köpfe verschwinden in einer winzigen Holzhütte. Die Gliedmaßen, die hier so genüsslich mit Alltagsgegenständen verwachsen, gehören den Ausstellungsbesuchern der Erwin-Wurm-Retrospektive. "One Minute Sculptures" heißen diese Verrenkungen und ungewöhnlichen Positionen, die schließlich auf einem Foto festgehalten werden. Ende der 90er-Jahre initiierte Wurm ganze Serien dieser temporären, performativen Skulpturen. Achtung - hier wird ein vermeindlicher Widerspruch zelebriert, der die traditionelle Vorstellung von der Dauerhafigkeit der Skulptur in Frage stellt. Wurm schenkt ihr eine zeitliche Komponente und setzt die Skulptur so bewusst dem Scheitern aus, denn die Körper, die sich hier im Reigen mit allerlei Obst und Gemüse akrobatisch verbiegen, können nicht lange so verharren. Unter den Handlungsanweisungen des Meisters werden Individuen zu Darstellern, die im alltäglichen Leben nicht alltägliche Gesten vollführen müssen. Er macht sie zu Antihelden, deren Unzulänglichkeiten auf die Spitze getrieben werden. Das Festhalten des flüchtigen Moments - meist in einer Fotografie - verleiht diesem schließlich doch Dauerhaftigkeit und macht ihn in dieser Hinsicht einer klassischen Skulptur ähnlich.
Betrachtet man die Inszenierung des Körpers in den Arbeiten des Österreichers, so scheint es, als sei er seiner definierten , festgelegteen Form überdrüssig. Die Lösung liegt für Wurm in dessen Neuerfindung. Aufgeblasen, verwachsen, gebogen, transformiert - so begegnen dem Betrachter daher die Körper in Oevre Erwin Wurms, zum Beispiel das FAT HOUSE. Wie ein riesiger, zerfließender Käse steht es mitten in der Ausstellungshalle. Es hat sich vom festen, in einen flüssigen Aggregatzustand begeben. Aus der Form geraten, stellt das üppige Gebäude den kleinbürgerlichen Traum eines Eingamilienhauses dar, das genau wie seine Bewohner satt und selbstzufrieden wirkt. Wer dem Haus einen Besuch abstattet, wird Zeuge seines Seelenlebens: In einem Video, das Wurm 2003 produzierte, lässt er das fette Haus mit monotoner Stimme über das Verhältnis von Kunst und Architektur und seinen eigenen Status als Skulptur philosophieren.
Zum vollschlanken Haus gesellt sich das FAT CAR als weiteres übertrieben gezeichnetes Statussymbol. In hochglanzpoliertem, rotem Lack steht es da und parliert, in einem dazugehörigen Video über Drogen, Gewalt, Gott und das Leben. Plattitüden, aber auch konkrete Feststellungen über "fette" Firmen, Mächte, Städte - Metaphern Wurms für gescheiterte, gesellschaftliche Entwicklungen.
Auch der "Künstler, der die Welt verschluckte" ist fett. Er versucht sich die Welt anzueignen , indem er sie sich einverleibt, eine Versinnbildlichung des unstillbaren menschlichen Wissenshungers. Zusätzlich persifliert diese Arbeit die Künstliche Begabung, die Realität transformieren zu können. Eine weitere Skulptur, "Der Künstler, der die Welt verschluckte, als sie noch eine Scheibe war", spielt auf historische Wissensentwicklung an und lässt hier die den häufig aufblitzenden anthropologischen Ansatz Wurms erkennen.
Seine Kleiderskulpturen, die er Anfang der 90er Jahre anfertigte, stellen den Körper konkret infrage, machen ihn als Formgeber obsolet. Die über Blechröhren und Sockel gezogenen Hosen und Pullover definieren das Bild vom Körper neu, indem sie andere Oberflächen als die menschlichen, bekleiden. Auch die Staub-Arbeiten spielen mit körperlicher Präsens und Fiktion gleichzeitig. In leeren Vitrinen markieren feine Staubschichten, wo Objekte gestanden haben. Fehlt hier die eigentliche Skulptur? Nein, sie ist da, ersetzt als Imagination den materiellen Körper.


CHRISTIANE OPITZ


Erwin Wurm:"Das lächerliche Leben eines ernten Mannes, das ernste Leben eines lächerlichen Mannes" - Retrospektive, Deichtorhallen; bis 2.9.


Foto: ERWIN WURM, VG BILD-KUNST

Published in SZENE-HAMBURG June 2007

Donnerstag, April 12, 2007

Das muss erstmal verdaut werden



Wimperntierchen blinzeln illluminiert. target target target. Psychoplasmaschweine zittern vor HÜXL Task Force. Kernuntersuchung, die Maskerade dekodieren. Pixelstörungen. Rhizome. Dieses Zelt ist die Welt. Eingetrichtert und platt gewalzt. Mutter Natur hat Gold im Mund. forschen aufwühlen kontrollieren. Analyse der Fließgeschwindigkeit. Tropfend Kanäle durchkriechen, Gänge finden, mit Lupen und anderen Extensionen. Höhlen. Touristenexkursion führen ins Exil. Und wenn die Bombe explodiert, steht morgen in der Zeitung: Tod durch Bratwurstg´häck. Leuchtstoffe wie Kondensstreifen. Never mind Biomaschinen. Zunächst muss das Schwein durch gezielte Stromstöße in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden. Dann in die Ecke drängen und zustechen. Der Kadaver muss auf giftige Sporen untersucht werden. Dann essbar. Aufschäumen. In Waben. Wirken, die Ursuppe mit Nährflüssigkeit anreichern. Blut ist dick. Triumverat. Ein gefundenes Fressen. Macht was. Geschändet wachsen Wurzeln weiter. Turn up your experience. Mit Netz und doppeltem Boden von der vierten in die dritte Dimension. hit me. Im Weiher spielen depressive Robots Handygames. Das muss erstmal verdaut werden. Und am Ende hat die Wurst ein Ende. Erlegen, jagen, häuten, Vorräte anlegen und den Winter überdauern. Dauersteaming mit Knödelverfolgung. Heimat als Utopie. Tools R Us. Verzweigt connected mit mega-spezial Werkzeugen. Verbunden. Hand in Hand in den Mund. konservieren. sezieren. Flashbacks von Karpfengesichtern. Chemotronic Labnoise, Elektrolysehypnose. Ionen und Dioden erzeugen Blitzgewitter. Hohepriester XL Phantasma catch a dream von Freundschaft und Liebe. Darum Reflektorhelme, damit es einen nicht zerreist. Filter. Amplitudenausschlag. St. Antonius arbeitslos. Die freigesetzten Nanoteilchen müssen fluktuieren. In Kapseln werden sie durch aktive Systeme katapultiert, bis sie sich pulverisieren. In der Programmiersprache der Natur heißt das: H-Ü-X-L hoch3. Die Achse des Bösen muß draussen bleiben. Sonst wird sie gnadenlos gegrillt, gedrittelt und in ihre einzelnen Bausteine zerlegt. Warum sind die Touristen traurig? Weil der Karpfen weint? Weil die Fachwerkmuster von Nahem betrachtet nur klein mit Hut sind? Weil sie fremd sind. Hier leben. Danke nein. Und doch. Biomorphe Doppelherzfrequenz. Langzeitfolgen nicht ausgeschlossen (sogar sehr wahrscheinlich). wechseln kontaminieren Struktur beleuchten auschecken einchecken rahmen festlegen horten aufsaugen kaltstellen kochen abnagen abreißen aufbauen pausieren Ortsbeschreibung zusammen raufen gemeinsam Anfang Ende entdecken ziehen tragen teilen tanzen. Anlauf. Die Fährte aufnehmen. In der weit gefächerten Welt der Lebewesen trifft man unweigerlich auf solche, durch deren bloße Erscheinung und absonderliches Verhalten die menschliche Einbildungskraft in Erstaunen versetzen. Riesenhafte Tintenfische. Abgründe tun sich auf. Polyphallische Symbolik. Tiefenrausch. Hochkomplexe Leuchtorgane. Vampyroteuthis. Ins Ungewohnte tauchen.

Text zur Ausstellung "HÜXL`XL - FLASHBACKS REFLEKTORPHASE_A" vom 5.4. bis 15.4. im Westwerk/Hamburg.

Autorin: Christiane Opitz

Aufforderung zum Glück


Einfach mal einspannen, loslassen - das kann der Betrachter in den traumhaft schönen Landschaften Vivian Kahras. Märchenhafte Wälder in zarten Pastelltönen laden zu Spaziergängen ein, offene Lichtungen zum Bleiben. Manchmal begegnet man Menschen, anderen Flaneuren oder Sportlern, doch sie sind nicht auf Kommunikation aus, sondern wollen sich im Schoße der Natur verlieren.
Malereien als Naherholungsgebiete? Vivian Kahras Bildschöpfungen sind ambivalenter. Was hier noch mitschwingt, so romantisch-leicht ihre Landschaften auch anmuten, ist ein unbehagliches Gefühl, das Gefühl gespenstischer Einsamkeit. Diese ist sowohl einer entrückten Farbigkeit geschuldet als auch fragmentarischer Leerstellen, die große Teile der Szenerien zu verschlucken scheinen. In "Lichtung" aus dem Jahre 2006 nimmt eine solche Weißfläche fast zwei Drittel des Bildes ein. Im Hintergrund ragen fedrige Baumkronen in kühlen Blau- und Grüntönen in den farblosen Himmel. Davor ein Zaun, der sich nur schwach vor dem hellen Nichts abzeichnet. Am linken Rand, kleinere amorphe Löcher, die die Form der Äste und Sträucher immitieren. Hier scheinen Teile des Bildes wie mit einem Radiergummi entfernt worden zu sein.
Auch in der Arbeit "Passing the Forest" (2006) taucht dieser Kahlschlag auf. Auf der rechten Bildhälfte sieht man einen Baum, der nur noch schemenhafte Konturen aufweist. Man hat den Eindruck, nur noch Spuren seiner ursprünglichen Gestalt wahrzunehmen. Diese Flecken können als Aufforderung der Künstlerin verstanden werden, mit eigenen Fantasien die Szenerien zu vervollständigen, sich so eine private Glücksutopie zu schaffen. Andererseits demonstrieren die Auslöschungen Vergänglichkeit. Sie ähneln filmischen Einzelbildern, die nur flüchtig die Netzhaut des Betrachters streifen.
Die 35-Jährige selbst bezeichnet ihre Bildwelten als "materialisierte Erinnerungen", die sich lediglich in einer ehrlichen Sekunde offenbaren. Sie spielt bewusst mit Grenzverwischungen zwischen Innen und Außen. In ihren Bildern ist beides immanent: Sie zeigen Gedankenräume, die trotz ihrer Visualisierung auf Leinwand keine Beständigung aufweisen. Die Motive, Landschaften, Orte scheinen immer in Bewegung zu sein und ähneln so den fluktuierenden Kopfbildern. Die weißen Löcher treten dort auf, wo Bildinformationen in Vergessenheit geraten.

Vivian Kahra "Inner Movies": Galerie Peter Borchardt, 30.3. - 9.6.
Abbildung: Copyright Galerie Peter Borchardt

TEXT: CHRISTIANE OPITZ

Published in SZENE HAMBURG 4/2007

Freitag, März 02, 2007

Größer als das Leben


Das Bucerius Kunstforum zeigt im ersten Teil seiner Ausstellungstrilogie „150 Jahre Amerikanische Kunst (1800 – 1950)“ frühe Meisterwerke der Hudson River School.

Majestätische Bergrücken, sonnendurchflutete Täler, Sonnenaufgänge in zartrosé – Die Landschaften von Thomas Cole und anderen Vertretern der Hudson River School sind zu schön, um wahr zu sein. Wenn die Titel der Arbeiten nicht auf reale Orte, wie den Hudson oder die White Mountains verweisen würden, könnte man glauben, diese fast menschenleeren Auen und Küsten wären einem idealisierten Utopia entsprungen. Und teilweise sind sie es auch. Trotz des Anspruchs einer möglichst realistischen Abbildung der Natur, kam es vor, dass Cole & Co Teile aus anderen Gegenden in ihre eigenen Traumlandschaften einbauten, nie jedoch, ohne die Achtung und Ehrfurcht vor den Naturwundern ihrer Region, zu verlieren. Im Gegenteil: Die Überhöhung war unmittelbarer Ausdruck einer ehrlichen, von Herzen kommenden Respekts- und Liebesbekundung. Sie waren stolz auf ein Land, das als Nation zwar noch jung war, es aber erdgeschichtlich durchaus mit Europa aufnehmen konnte, den alten Kontinent sogar in naturbelassener Weite noch übertraf.
Die Hudson River School war ein loser Verband aus etwa 72 Landschaftsmalern, die Mitte des 19. Jahrhunderts im State New York lebten und wirkten. Ihre Sujets: die Naturschönheiten des Hudson Flusstals, felsige Schluchten und die Wälder der Catskill Mountains. Ihre wichtigsten Vertreter waren unter anderem der in Solingen geborene Albert Bierstadt, Sanford Robinson Gifford, Frederic Edwin Church und selbstverständlich Thomas Cole, der als Begründer der Bewegung gilt. Von ihrem Atelier in der New Yorker Tenth Street aus, unternahmen die Künstler ausgedehnte Sommerreisen in die Umgebung. Die dort angefertigten Skizzen und Aufzeichnungen dienten dann in den Herbst- und Wintermonaten als Vorlagen für die großen Gemälde.
Das Thema Landschaft war die wichtigste nationale Kunstgattung in den USA, die von Beginn an auf den Markt ausgerichtet war. Sammler rissen sich um die Bilder der Hudson River School, weil sie explizit „amerikanisch“ waren und die junge Nation aus Einwanderern durch ihre erhabenen Naturdarstellungen zu einen verstanden. Motive, wie die mächtigen Niagara Fälle oder das lichtdurchflutete Yosemite Valley, verbreiteten eine Aura des Göttlichen und man war der Auffassung, von oberster Stelle aus reich beschenkt worden zu sein. Aus diesem Selbstbewusstsein heraus speist sich der Glaube an eine bedeutende, zivilisationsgeschichtliche Rolle Rolle Amerikas in der Welt, die sich bereits in diesen frühen Äußerungen der amerikanischen Kunst manifestiert.
Die Erforschung des Kontinents in Richtung Westküste war in vollem Gange und ersten Touristen machten sich auf, ihr Land mit seinen Millionen Jahre alten Naturwunder zu erkunden. Nicht zuletzt motiviert durch die sehnsuchtsvollen, wild-romantischen Landschaftsdarstellungen der Hudson River School. Doch so träumerisch die Motive anmuten, so moralisch waren sie gleichzeitig gemeint. Den Malern ging nicht nur um schwelgerische Ausflüge in die unberührte Wildnis, die sakralen Huldigung heimatlicher Gefilde, sondern auch um einen naturwissenschaftlichen Anspruch - der Erforschung von Flora und Fauna. Thomas Cole machte in den 1830er Jahren zudem vor den Gefahren des industriellen Fortschritts aufmerksam, sah insbesondere im Ausbau des Eisenbahnnetzes eine große Bedrohung für die Natur. So sind seine hyperrealistischen Szenerien, immer auch als Mahnung zu verstehen, ganz so, als wolle er dem Betrachter sagen: Seht! Dieses Paradies gilt es zu bewahren!
Die Trilogie „150 Jahre Amerikanische Kunst (1800 – 1950)“ im Bucerius Kunstforum wird im nächsten Jahr mit impressionistischen Portraits des „Gilded Age“ fortgeführt und endet 2009 mit den „Großstadtbildern“ der Ash Can School bis Edward Hopper.

„Neue Welt. Die Erfindung der amerikanischen Malerei“. Frühe Meisterwerke der Landschaftskunst aus der Neuen Welt: Bucerius Kunstforum bis 28.5

>>> text: Christiane Opitz

PUBLISHED IN SZENE HAMBURG, MARCH 2007

Bildquelle: "View in the white Mountains" by Thomas Cole, 1827; Bucerius Kunstforum

Mittwoch, Februar 07, 2007

Sich selber sehen


Die Kunsthalle zeigt über 120 Arbeiten der finnischen Modernistin Helene Schjerfbeck (1862-1946).

Das zarte Mädchengesicht wirkt verloren und unendlich traurig. Riesige blaue Augen scheinen ins Leere zu blicken. Sie sind mit Tränen gefüllt. Wirres blondes Haar. Ihre Hände halten einen dünnen Zweig in einer Tasse, der genauso zerbrechlich wirkt, wie sie selbst. „Die Genesende“ heißt dieses Bild, gemalt 1888 von der in Europa wenig bekannten finnischen Künstlerin Helene Schjerfbeck. Obwohl der damals 27-Jähigen für dieses impressionistisch beeinflusste Bild 1889 auf der Weltausstellung in Paris die Bronzemedaille verliehen wurde, gelangte sie, trotz dieser frühen Erfolge nie zu dem großen Ruhm, der ihrem außerordentlichem Talent angemessen gewesen wäre. Über die Gründe kann nur spekuliert werden. Vielleicht lag es an ihrem aufmüpfigen Wesen. Vom Realismus kommend und impressionistische Einflüsse aufgreifend verweigerte sich Schjerfbeck zur Jahrhundertwende der verordneten Nationalromantik ihrer nordischen Heimat und beschritt ihren ganz eigenen Weg. Selbstbewusst setzte sie moderne Kunstauffassungen um, nahm sogar bereits Momente der Abstraktion in einigen Bildern vorweg.
Möglicherweise war ihre schwache Konstitution der Grund für den ausbleibenden internationalen Erfolg. Schjerfbeck litt Zeit ihres Lebens unter starken Schmerzen, die sie 1902 sogar dazu zwangen auf weitere Reisen nach Paris, Florenz und Wien zu verzichten. In ihrer Heimat war sie zu diesem Zeitpunkt bereits eine der wichtigsten finnischen Künstlerinnen. Schjerfbeck zog sich aufs Land zurück und malte in den folgenden 50 Jahren selbstgewählter Isolation das einfache Leben von Schulmädchen und Näherinnen in ihrem ganz eigenen expressiven Stil. Zunehmend wählte sie sich selbst als Motiv. An eine Freundin schrieb sie: „Wo ich jetzt selten die Kraft habe zu malen, habe ich mit einem Selbstportrait begonnen, man hat das Modell immer zur Hand, nur ist es nicht immer so lustig, sich selber zu sehen.“ So zeigt das „Selbstbildnis mit Palette“ Schjerfbeck als 75-Jährige. Bis auf die Farben der Palette - blau, weiß, gelb und rot - ist das Bild vollständig in Grautönen gehalten. Auffällig sind die stark konturierten Augen, die den Betrachter aus dem hageren Gesicht heraus anblicken. Schonungslos dokumentiert die Malerin hier ihren eigenen körperlichen Zerfall.
Helene Schjerfbecks Selbstportraits sind es, auf die die Retrospektive der Kunsthalle einen besonderen Fokus richtet. Insgesamt werden über 120 Ölbilder, Aquarelle und Zeichnungen – darunter auch ihre bekannten Stilleben – gezeigt. Zu sehen sind Arbeiten, die nach dem Tod der Künstlerin selbst in Skandinavien noch nicht ausgestellt wurden.

Christiane Opitz

Helene Schjerfbeck, Retrospektive, 2.2. bis 6.5. Kunsthalle Hamburg (im Hubertus-Wald-Forum), Eröffnung: 1.2. 19 Uhr.

Published in SZENE HAMBURG, 2/2007

Bild: Helene Schjerfbeck, Selbstbildnis mit Palette 1, 1937
© Moderna Museet, Stockholm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2006