Mittwoch, Juli 30, 2008

Work in Progress



Der diesjährige Elbinsel Sommer nennt sich Kultur | Natur und erforscht mit künstlerischen Mitteln die Stadt im Klimawandel. Fast alle Werke entstehen vor Ort in Wilhelmsburg

Dass es klimatechnisch fünf vor zwölf steht, ist kein Geheimnis.Dürrekatastrophen, Tsunamis, Wetterchaos – jeden Tag hören wir in den Nachrichten davon. Noch scheinen die betroffenen Orte noch weit entfernt. Doch bald schon – auch das ist kein Geheimnis – werden auch wir die Folgen des weltweiten Klimawandels vor der eigenen Haustür deutlich zu spüren bekommen. Umso wichtiger ist es, sich über die
kulturellen geprägten Vorstellungen über Natur klar zu werden.Einen Beitrag dazu möchten die Kuratoren Anke Haarmann und Harald Lemke leisten. Unter ihrer Ägide steht die Kunst-Plattform des diesjährigen Elbinsel Sommers, das den Stadtraum im Hinblick auf das Verhältnis von Natur und städtischer Kultur hin befragt Anders als der erste Elbinsel Sommer, der 2007 zum Auftaktjahr der Internationalen Bauausstellung IBA mit einem so üppigen Programm antrat, dass man es kaum noch wahrnehmen konnte, setzt Kultur | Natur auf eine überschaubare Anzahl von Aktionen und eine starke Beteiligung aus dem Stadtteil. Interessant ist dabei, dass nicht nur Künstler, sondern auch Initiativen und Einrichtungen aus Wilhelmsburg an einer Kunst-Plattform mitwirken, bei dem sie auf internationale Theoretiker und Künstlergruppen und Künstler treffen. Praxis und Theorie kommen bei Kultur | Natur gleichermaßen zum Zug: So wirbt ein Parcours mit von Hamburger Kindern und Erwachsenen gestalteten Plakaten entlang der Strecke von St. Pauli nach Wilhelmsburg dafür, dass dort endlich ein Fahrradweg gebaut werden muss. In „Ausflügen des Denkens“ wird nachgedacht und zugehört, aber auch zusammen mit Wilhelmsburg-Experten und internationalen Gästen, wie der amerikanischen Philosophin Lisa Heldke, die gegensätzliche Natur der Elbinsel erkundet. In einem leer stehenden Café am malerischen Veringkanal entsteht ein „Archiv der Künste“, das in den letzten Jahren entstandene künstlerische Positionen zum Thema Ökologie versammelt und quasi „recycled“.
Auch von den aktuellen Projekten der ortsansässigen und internationalen Künstler wünschen sich Haarmann und Lemke Nachhaltigkeit und eine dauerhafte Bereicherung der städtischen Kultur. Deshalb haben alle beteiligten Künstler und Künstlergruppen, Ala Plastica aus Argentinien, Critical Art Ensemble (CAE) aus New York, Susan Leibovitz Steinman aus den USA über mehrere Wochen in Wilhelmsburg gelebt, Kontakte geküpft und ihre Arbeiten aus der Situation heraus entwickelt. Nur die Hamburgerin Nana Petzet kannte sich schon aus - sie wohnt seit einiger Zeit auf der Elbinsel - und
hat sich die Peute als Ort ihres Projektes „Peutengrund“ ausgesucht. CAE, die Provokateure von der amerikanischen Ostküste, machten in Deutschland zuletzt 2007 in ihrer Leipziger Ausstellung „Germs of Deception“ („Bakterien der Täuschung“) von sich Reden, als sie in der Halle 14 der Baumwollspinnerei eine harmlose Substanz freisetzten, die bisher von verschiedenen Militärorganisationen benutzt wurde, um
die Verbreitung von Erregern zu simulieren. Anhand von im Raum verteilten Petrischalen, konnten die Besucher Rückschlüsse über die Verteilung von Mikroorganismen ziehen - der Kunstraum wurde zum Labor. Mit seinen Installationen, Vorträgen und Performances hinterfragt und entmystifiziert das CAE die Gentechnologie und die Gefahr des Einsatzes von biologischen Waffen. Eigentlich klar, dass die Künstler dieses Kollektivs mit ihren Aktionen, besonders nach dem 11. September, in ihrer Heimat aneckten. Vor drei Jahren wäre CAE-Gründer, Steve Kurtz, fast für 20 Jahre hinter Gitter gewandert, weil man ihn für einen Bio-Terroristen hielt. An welchen Orten in Wilhelmsburg das CAE forschen wird, bleibt abzuwarten. Mögliche Wirkungsbereiche gibt es genug, wie etwa der Hafen oder die idyllischen, aber verseuchten Kanäle.
Bei Ala Plastica die Vernetzung künstlerischer Denk- und Arbeitsweisen mit der Entwicklung von Projekten im sozialen und ökologischen Bereich verknüpft. Die Gruppe wurde 1991 gegründet. Eigentlich widmen sich die Kunstaktivisten eher den Umweltproblemen in ihrer Heimat. 2004 kamen sie jedoch auf Einladung der Galerie für
Landschaftskunst auch nach Hamburg, um ein Konzept zur Renaturierung des Flusses Wandse zu erarbeiten. Dabei vernetzten sie sich in typischer Manier vor Ort mit unterschiedlichen Interessensgruppen. Was sie für die Elbinsel entwickeln, wird sich erst zeigen, wenn Kultur | Natur im September offiziell zu Ende geht - das Ala-Plastica-Projekt wird dann hoffentlich weiter kommunikative Früchte tragen.

Eröffnung mit einem Fahrrad-Umzug entlang des Plakat Parcours, 16.8., 15 Uhr, Treffpunkt: Alter Elbtunnel (St.Pauli).

Text: C. Opitz, Published in Szene Hamburg 08/2008
Bild: © Kultur | Natur


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Dienstag, Juli 01, 2008

Von Wiesen und Wäldern


In ihrer zweiten Gruppenausstellung zeigt die Galerie Hafenrand in St. Georg fünf Positionen zum Thema Landschaft.

Der Farbauftrag wirkt flüchtig, ausdrucksstark, leidenschaftlich. Rot, blau, gelb, grün – sämtliche Farben des Regenbogens lassen die Seele nicht unberührt. Vor dem Betrachter entfalten sich Seerosenteiche, Blumenwiesen, bunt bewachsene Hügel, Waldlichtungen. Man braucht nicht viel Phantasie, um die abstrakten Formen und Flächen, die sich eigentlich nicht unmittelbar auf Gegenständliches beziehen, zu eben diesen Landschaften zusammenzusetzen.
Doch diese Bilder halten nicht lange Stand. Schaut man länger hin, schmelzen die Pflanzen und Bäume zu amorphen Gebilden, zu Zellhaufen zusammen. Die Naturdarstellungen Magdalena Sadziaks bieten ein Refugium, einen Rückzugsort vom alltäglichem Hin und Her. Gleichzeitig feiern sie farbenfroh und temperamentvoll die Schönheit von Wiesen und Wäldern.
Im Gegensatz zu Sadziaks Arbeiten sind die großformatigen Pastellzeichnungen von Friederike Jokisch, die in Leipzig Malerei bei Arno Rink und Neo Rauch studierte, konkreter. Und düsterer. Bei Jokisch breiten sich unter grau-schwarzem Himmel Landschaften aus, die unheimlicher und seltsamer nicht sein könnten. Hier ein Feld, in dem, tiefe Tümpel wie schwarze Löcher darauf zu lauern scheinen, alles zu verschlingen, was des Weges kommt. Dort eine rätselhaft kultivierte Landschaft mit ihren immergleichen, kegelförmigen Bäumen und Schatten. Irreal wirken diese Orte, nicht von dieser Welt.
Sveinn Fannar Johannsson wiederum beschäftigt sich mit realen Landschaften seiner nordischen Heimat, die jedoch noch modifiziert werden. Der 1977 in Reykjavik geborene Künstler fokussiert in seinem Videos und Fotografien auf die „Künstlichkeit“ von Natur. Johannsson nimmt Eingriffe vor, pflanzt um, kappt, sägt. Wenn er damit fertig ist, ist nichts mehr wie zuvor. Auf der Fotografie „Zurrgurt mit Ratsche“ (2007) beispielsweise schmiegen sich drei junge Birken schützend aneinander. Könnte man denken. Tatsächlich hat hier der Künstler nachgeholfen, wie es der Titel verrät.
Die Vierte im Bunde, Yvette Kiessling, zeigt Radierungen und Malereien, die auf Reisen entstanden sind, also im direkten Kontakt zur Natur. Auf eine exakte Wiedergabe jedoch legt die Künstlerin keinen wert. Vielmehr geht es ihr um genaue Beobachtungen von Licht, Geografie und Flora. Der letzte Beitrag zum Thema Landschaft stammt vom Künstlerduo Rindfleisch/Rapedius. Sie imitieren Natur auf humorvolle Weise. Stichwort: Pappbecher.

Friederike Jokisch, Rindfleisch/ Rapedius, Magdalena Sadziak, Sveinn Fannar Johannsson
Yvette Kiessling: „Ohne mich stehst du im nichts“, Galerie Hafenrand (St. Georg), Eröffnung: 2.7., 19 Uhr, bis 12.9.

Bild:© Galerie Hafenrand, Text: © VG WORT, Christiane Opitz

PUBLISHED IN SZENE HH, JUNI 2008






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Dienstag, Juni 10, 2008

KILL KILL KILL


Die neue Galerie Conradi widmet ihre erste Ausstellung der Hamburger Künstlerin Cordula Ditz

Ängstlich schleicht das Teenagermädchen durch das dunkle Gebäude. Unheilvolle Musik. Dann, plötzlich, ein gellender Schrei! Schnitt. Das Mädchen liegt am Boden. Blut ist überall. Der maskierte Mörder hat wieder zugeschlagen.
Wer kennt sie nicht, die nervenzerfetzenden Gruselschocker aus dem Kino. Carrie von Stephen King, Nightmare of Elmstreet oder Poltergeist haben wohl jedem von uns schon einmal schlaflose Nächte bereitet. Das Schocker-Prinzip ist immer dasselbe: Zuerst wird eine idyllische Kleinstadt mit unglaublich netten Nachbarn und harmlosen Jugendlichen präsentiert, die dann von irgendeinem Superfreak – einem Michael Myers oder Freddy Krueger – in Angst und Schrecken versetzt wird. Die Fallhöhe muss hoch sein, um absoluten Horror zu garantieren.
Dass die Künstlerin Cordula Ditz ein eingefleischter Horrorfilm-Fan ist, lässt sich nicht leugnen. Ihre Malereien, Collagen und Videoarbeiten sind Zeugnisse ihrer Faszination für die Ästhetik des Unheimlichen, wie sie in Fantasy-, Horror- und Trashfilmen angelegt ist. Die Welt der Dämonen und Monstren wird von der 1972 in Hamburg geborenen Künstlerin in Hinblick auf ihre mediale Wirksamkeit untersucht, seziert und humorvoll kommentiert. Für die Videoarbeit „Nightmare on Elmstreet 2:36:21“ beispielsweise eliminierte sie alle Menschen und Tiere, was den Film von einer Länge von 90 Minuten auf zweieinhalb Minuten zusammenschrumpfen lässt. Wie ergeht es dem Horrorschocker, wenn die ängstlich flüchtenden und sterbenden Hauptfiguren fort sind? Wirkt der Film ohne seine aufgerissene Münder und starren Augen überhaupt noch? Ditz zeigt, dass eine unheimliche Atmosphäre auch den Settings des Films innewohnt. Verlassene Räume, spärliches Licht – erstaunlich, aber auch ein menschenleerer Horrorfilm kann Angst machen.
Genau wie ihre Videos spielen auch ihre Malereien, meist mit Acryl und Sprühfarbe auf großformatiger Leinwand gefertigt, mit Versatzstücken. Oft ist es ein Ausspruch oder Satzfragment aus einem Horrorklassiker, der in die expressiven, trashig-abstrakten Arbeiten eingebaut ist. „I make you die slowly“, „Dreh dich nicht um“ oder schlicht: „Kill Kill Kill“ lauten die Titel ihrer Bilder.
Mit Cordula Ditz öffnet die neue Galerie Conradi im Schopenstehl 20, unweit der Mönckebergstraße, zum ersten Mal ihre Türen. Die Betreiberin, die sich den Galerienamen von ihrem Lebensgefährten borgte und fast drei Jahre nach passenden Räumen suchte, ist im Hamburger Kunstfeld keine Unbekannte. Elena Winkel machte sich vor allem durch die Index-Ausstellung, die jedes Jahr junge Kunst aus der Hfbk zeigt, einen Namen.

Cordula Ditz, Galerie Conradi, Schopenstehl 20 (Hamburger Innenstadt), Eröffnung: 13.6. um 19 Uhr, bis 25 Juli.

text: christiane opitz, published in szene hamburg, june 2008

foto © galerie conradi/ cordula ditz





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Dienstag, Mai 06, 2008

Reconstructing Future


Im Werk von Romana Schamlisch treffen futuristische Stadtlandschaften auf wissenschaftliche Interieurs

Der erste, unmittelbare Wahrnehmungsreiz ist ein akkustischer. Es rattert. Der ganze Raum ist davon erfüllt. Das Geräusch, gehört zu einem laufenden 16mm-Projektor. Dann fällt eine ungewöhnliche Konstruktion ins Auge: Das Filmband wird über Rollen über die gesamte Höhe der Galerie, über Decke und Wände geleitet, so dass der Eindruck entsteht, sich selbst innerhalb eines filmischen Apparates zu befinden. Der zweite Blick schließlich gehört dem projizierten Bild. Gezeigt wird der Film „Paléontologie“, der in einem Museum aufgebaute Skelette zeigt. Das unstete Kamerabild versetzt die toten Knochen in Bewegung – und den Ort ins Wanken.
Romana Schmalisch untersucht Fiktionen und Utopien, wie sie in futuristischer Literatur, aber auch in angeblich objektiver Wissenschaft Ausdruck finden. Der Titel der Ausstellung “Il braccio di Lucifero si pone 645 1/3 braccia“ ist einer Untersuchung entnommen, die sich auf die detaillierten Beschreibungen Dantes in der „Göttlichen Komödie“ stützt und behauptet, die genaue Armlänge Luzifers berechnen zu können. Auch Schmalisch greift Dantes Maßangaben auf. Ihre Arbeit „Hölle im Durchschnitt“ zeigt einen Lavastein in den neun Ringe hineingefräst wurden, maßstabsgetreu, nach den damaligen Berechnungen. Mit diesem Beitrag reiht sich die 32-Jährige in eine lange künstlerische und wissenschaftliche Tradition ein, in der Künstler seit dem 14. Jahrhundert versucht haben, Dantes Schilderungen der Passage durch Hölle, Fegefeuer und Paradies nachzuvollziehen und darzustellen. Schmalisch, fasziniert von diesen utopischen Manifestationen, begab sich auf die Suche nach anderen visionären Entwürfen. Sie fand sie in paläontologischen Museen, in der futuristischen Architektur indischer Observatorien oder in den Glasbauten des Architekten Bruno Taut, die er in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Paul Scheerbart im frühen 20. Jahrhundert entwickelte. Letztere hat sie in der Ausstellung nachempfunden. Unter kuppelförmigen Glocken hat die Künstlerin filigrane Glaszylinder aufgestellt, die wie Reagenzgläser geformt sind. Unterschiedlich groß und immer anders gruppiert, fungieren sie als Modelle jener gigantischen Himmelstädte, die in Scheerbarts Roman „Lésabendio“ (1915) beschrieben wurden.
Es macht großen Spaß, Romana Schmalisch dabei zuzusehen, wie sie historisch gewachsene, auf wissenschaftliche Erkenntnisse basierende Dogmen mit einem Augenzwinkern ins Wanken bringt und sich für ihre Arbeit zu Eigen macht. Ein gelungener Beitrag zum immer noch boomenden „Art and Science“-Trend.

Romana Schmalisch: “Il braccio di Lucifero si pone 645 1/3 braccia“, Galerie Karin Guenther, bis 7.6.

PUBLISHED IN SZENE HAMBURG, MAI 2008, Bild: © Galerie Karin Guenther, Text: Opitz

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Dienstag, Februar 05, 2008

Ordnung der Dinge


Der Künstler Nir Alon macht Möbel zu Stars in einem Schauspiel

Es blättert Farbe ab von den kleinen Tischen, Kommoden und Stühlen, die hier so kunstvoll übereinander gestapelt sind. Kein Wunder, denn die Möbel sind gebraucht. Sie stammen von einem Second-Hand-Laden in Harburg. Dort kaufen eigentlich Menschen ein, denen selbst Ikea noch zu teuer ist. Und eben der in Hamburg lebende israelische Künstler Nir Alon. In der Galerie Tinderbox präsentiert er diese durchgesessenen Sessel, zerkratzten Schränke und wackligen Tischchen als Installation, die raumfüllend die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich zieht. Dabei schmiegen sich die über- und nebeneinander angeordneten Einrichtungsgegenstände ganz natürlich an die Galeriewand an.
Es ist eine neue Ordnung, die Alon hier vornimmt und sie erregt nicht den leisesten Zweifel. Alles – so scheint es – befindet sich genau am richtigen Platz. Selbst die drei Möbelstücke, die einzig von einem klapprigen Bürostuhl gehalten werden oder der dunkle Schrank mit den Glastüren, der auf einem viel zu kleinen Tisch steht. Doch dann, plötzlich, wirken die Gegenstände mit ihren Gebrauchsspuren doch etwas fremd im cleanen White Cube der Galerie. Wie Auswanderer in einer neuen, noch unbekannten Heimat. Wie Alons Eltern, die einst von Europa aus in den Nahen Osten immigrierten oder wie der Künstler selbst, der die umgekehrte Richtung einschlug.
Die Vergangenheit seines Materials, die auch bei der „arte povera“ eine zentrale Rolle spielte, ist für Alon wichtig. Die hölzernen Möbel erzählen von vielen Geschichten, Gefühlen und Dramen - von einem Leben vor ihrer Zeit als Teil eines Kunstwerks, als noch auf ihnen gesessen oder an ihnen gespeist wurde. Doch Mitleid erregen will der Künstler nicht. Vielmehr inszeniert er die alten Helden des Alltags, wie Stars in einem Schauspiel, indem er indem er ihnen eine Bühne bereitstellt, sie mit Licht ausstattet und sie dann wohlwollend den Blicken der Besucher überlässt.
Teil des Spiels sind auch die zahlreichen kunstgeschichtlichen Verweise. Von Dada, Environment-Kunst, die die Trennung von Kunst und Leben zu überwinden suchte, über Aktionskunst der 60er Jahre, Objektkunst bis hin zu Fluxus. Namen, wie Robert Rauschenberg, Marcel Duchamp oder Joseph Beuys fallen einem ein. Letzterer hatte in seiner Arbeit „Erdbeben im Palast“ von 1981 ebenfalls Möbel und verschiedene Alltagsgegenstände verwendet.

Nir Alon: The state of things, Tinderbox, Billwerder Neuer Deich 72 (Rothenburgsort), bis 15.2. Infos unter: www.tinderbox-art.com


SZENE HAMBURG, 02/2008, Text: Christiane Opitz
FOTO: Tinderbox

Mittwoch, Januar 09, 2008

Pawlow´sche Fäuste


Georg Baselitz wird in diesem Monat 70 Jahre alt. Die Deichtorhallen zeigen aus diesem Anlass erstmals die "Russenbilder" des Malers, der die Kunst auf den Kopf stellte

Bevor sich Georg Baselitz seinem eigenen Werk zuwandte, indem er seine bekanntesten Bilder wie "Helden" oder "Orangenesser" ganz neu re-mixte, arbeitete er zwischen 1998 bis 2002 an einer Reihe von Motiven, die ebenfalls stark mit seiner Biografie verknüpft sind: Werken des Sozialistischen Realismus. Mit ihnen kam der junge Baselitz in den fünfziger Jahren in Berührung. Unter anderem in Schulbüchern waren die "Russenbilder", wie sie der Künstler etwas verächtlich nennt, abgebildet und am 1949 in der DDR als einzig zulässiger Stil progagiert worden. Zu sehen waren die üblichen Szenen: Geschichtsträchtige und zukunftsweisende Ereignisse der jüngsten russischen Geschichte, Kampfszenen aus dem Zweiten Weltkrieg und der Aufbau einer neuen kommunistischen Gesellschaft auf dem Lande. Nicht zu vergessen, Portraits von Lenin und Stalin sowie Darstellungen bekannter Wissenschaftler und einfacher Arbeiter, die als "Helden der Arbeit" zu Vorbild avancierten.
Baselitz wurde am 23. Januar 1938 als Hans-Georg Kern in Sachsen geboren, später sollte er seinen Künstlernamen von seinem Geburtsort Deutschbaselitz ableiten. Bevor er 1958 in den Westen übersiedelte, bekam er die Anfänge des Sozialistischen Realismus unmittelbar mit - er studierte in Ost-Berlin unter anderem bei Walter Womacka, einem der Hauptvertreter. Dass Baselitz diese ästhetisch verordnete und politische aufgezwungene Kunstgattung in seinen "Russenbildern" erneut hernimmt bedeutet für ihn ganz offensichtlich Versöhnung und Abrechnung zugleich.
Spannend wird es, wenn man erkennt, dass die Vorbilder selbst schon ambivalent waren. Auf dem Original von M.W. Nesterow "Portrait des Mitglieds der Akademie I.P. Pawlow" sitzt der Psychologe Pawlow an einem Tisch, die Arme weit nach vorne gestreckt, die Hände auf einem Arbeitsheft ruhend. Starr fixiert er einen Blumentopf auf dem Tisch. Entgegen des propagandistischen Dekrets, den Mann Zuversicht und Stärke ausstrahlen zu lassen, wie jemand, der sich mit aller Kraft in den Dienst seinen Landes stellt, haftet diesem grauhaarigen Herren beileibe nichts Heroisches an. Im Gegenteil. Alt und einsam wirkt er. Aufs Abstellgleis geschoben. Baselitz greift dieses Motiv 1998 auf. Anders als in den meisten seiner Werke steht das Bild nicht auf dem Kopf, sonder n ist lediglich um 45 Grad geneigt. Das bedeutet: Pawlow, dem der Künstler das Antlitz seines eigenen Vaters lieh, hängt förmlich in der Luft. Das Bild besteht aus eindrucksvoll leicht dahin getupften Pinselsprenkeln in Braun-Rot, Schwarz, Blau und Gelb, die an manchen Stellen spärlicher, an anderen dichter die Fläche besiedeln.
Konzentriert hat sich Baselitz in erster Linie auf die Figur und seine direkte Umgebeung. Tisch und Blumen sind nur grob skizziert und verorten sich in einer seltsam armen Weißfläche im unteren Drittel. In diese ragen nur die Hände hinein, was den Fokus auf die geballten Fäuste richtet, und somit auf diese Geste der Verzweiflung. Durch die Drehung des Motivs sind die Pawlow´schen Fäuste zum Dreh-und Angelpunkt geworden. Auf ihnen ruht nun die ganze Last.
Einsamkeit. Depression und Tod verstecken sich hier zwischen den heiteren, expressiv hingetupften Farben. Diese Gleichzeitig von Unbeschwertheit und Schwere begegnet man öfter auf den "Russenbildern", die aus vier stilistisch sehr unterschiedlichen Serien bestehen. In der Ausstellung hängen sie in nicht-chronologischen Reihenfolge: die pointilistischen Gemälde (1999), die Kriegsbilder (1998-1999), Lenin und Stalin (1998-2002) und die Lochbilder (2000-2002). In ihnen träte die "Malerei besonders frei und ungebunden in Erscheinung", schreibt Deichtorhallen-Direktor Robert Fleck im Katalog. So scheinen sie die malerisch starren Vorbilder geradezu aus den Angeln zu heben. Sogar ein Kriegsbild wie "Nach der SChlacht" (1999) vermag dies. Es ist ein Ölbild, das aber so verwaschen wie ein Aquarell daherkommt. Von weitem betrachtet mutet es wie ein abstraktes Blumenbild an. Warme Farben, wie pink, violett und gelb dominieren. Doch dann erkennt man Soldaten, Gewehre, Stiefel, einen Hund...

CHRISTIANE OPITZ
Published in SZENE HAMBURG, January 2008
Foto: Wolfgang Neeb, Georg Baselitz

Sonntag, Dezember 02, 2007

Space is the Place


Inside the Black Cube - Thomas Baldischwyler untersucht das Scheitern der Naturabbildung

Realität oder Täuschung? Der große Raum der Galerie für Landschaftskunst wirkt kleiner als zuvor. Diese Stauchung jedoch ist kein optischer Trick. An der Stirnseite wurde eine Wand eingezogen. Diese und eine zweite hat der Künstler Thomas Baldischwyler, der hier zur Zeit seine jüngsten Arbeiten präsentiert, komplett schwarz gestrichen, was den Eindruck einer Verknappung des Raums noch verstärkt. Ein zusätzlich angefertigtes Podest, ebenfalls schwarz, vervollständigt den Black Cube, den Baldischwyler speziell für seine Arbeiten schuf.
Und es ist nicht irgendein Raum, den der Künstler und Musiker hier installierte, denn die dunklen Flächen verkörpern die unendlichen Weiten des Alls. Die Exponate an den Wänden - Mischformen aus Fotografie, Malerei und Objekt - sowie der Tisch mit Texten und Abbildungen darauf sind Baldischylers Beiträge zum Scheitern einer exakten Übersetzung von Natur auf Leinwand oder Papier.
Im Sinne des postmodernen Samplings sind Baldischwylers Arbeiten theoretisch angereichtert und verweisen sowohl auf Kunsthistorisches, wie beispielsweise die englischen Präraffaeliten und ihren Zeitgenossen John Ruskin (1819-1900), als auch auf popkulturelles Material wie Texte und Plattencover des Detroiter Musikproduzentenkollektivs Underground Resistence. So unterschiedlich die Quellen auch sind, alle eint das Verlangen, Natur als Natur abbilden zu wollen, ohne die menschliche Komponente hinzuzunehmen. Ein Unterfangen, das nur misslingen kann und wohl für alle Zeit ein Versprechen bleiben wird.
Dennoch versucht sich auch Baldischwyler an einer Übersetzung. Für "Nightfall" hat er verschiedene Jeansstoffe zusammengenäht, auf Holz aufgebracht, mit künstlichem Licht eine Tag-Nacht-Grenze geschaffen und das ganze fotografiert. "Iwasaki" heißt eine andere Arbeit, die sehr typisch für die momentane Arbeitsweise Baldischwylers ist. Als visueller Stoff wird ein Bild des japanischen Airbrush-Künstlers Iwasaki hergenommen, das eine fantastische Weltallimpression samt Sternenspektrum, zeigt.
Zur künstlerischen Praxis gehören nun eine ganze Reihe von Arbeitsschritten aus Abfotografieren, Bemalen, Einscannen und Vergrößern. Am Ende entsteht ein Werk, das den Betrachter mit mit Bedacht gewählten Details an der Nase herumzuführen versteht, indem es Dreidimensionalität vorgaukelt, wo keine ist.

"Jupiter und Saturn have not yet cooled off", Galerie für Landschaftskunst, bis 2.2.2008; www.gflk.de

Christiane Opitz for SZENE HAMBURG 12/07
Foto: © Galerie für Landschaftskunst/ Thomas Baldischwyler

Montag, November 12, 2007

Neue Utopien


Der kroatische Künstler David Maljkovic betrachtet kulturelles Erbe aus der fernen Zukunft

Unheilvolles Brummen erfüllt den Raum, der teilweise mit Rigipsplatten verkleidet ist. Es klingt wie der Motor eines Raumschiffes. Dann tut sich eine Schneelandschaft auf. Die Fahrt geht rasant. Die Kamera filmt ein silbern glänzendes Space-Auto, das sich in kurvigem Gelände seinen Weg bahnt. Die Reise führt zu einem Gebäude mit nicht minder futuristischer Äußerem. Genau wie der Wagen schimmert seine metallische Außenhaut in der Sonne. Die "Besucher", die dem Auto entsteigen und das seltsame Gebäude staunend in Augenschein nehmen, kommunizieren in einer fremdartigen Singsprache miteinander. Ist dies ein heiliger Ort, fragen sich die Fremden? Nein, so kommen sie überein. Ein Gott existiert hier nicht. Was gibt es hier zu tun? Umfunktionierung, lautet ein Vorschlag.
Und genau das macht auch David Maljkovic. In seiner Videoinstallation "Scenes for New Heritage" setzt sich der kroatische Künstler mit dem von Vojin Bakic (1905-1992) erbauten Denkmal in Petrova Gora auseinander, konnotiert es durch seine künstlerische Auseinandersetzung neu. Der modernistische Bau, das muss man wissen, ist Teil des kollektiven Gedächtnisses seiner Generation (Maljkovic ist Jahrgang 1973). Während der 1980er Jahre war das Kriegsopfer-Mahnmal ein obligatorisches Ausflugsziel für die kommunistische Jugend. Als Maljkovic 2003 nach Petrova Gora zurückkehrte, fand er den einstigen Vorzeige-Bau vollkommen vernachlässig vor. Er war erstaunt über das überwältigende und faszinierende Gefühl der Absenz, das dieser, in seiner Erinnerung so lebendige Ort, plötzlich hervorrief. Er begann, an dem Drehbuch für eine Videoserie zu schreiben. 2004 entstand dann der erste Teil der Trilogie "Scenes for New Heritage", der im Mai 2045 spielt. 2006 folgten dann Teil zwei und drei. Warum spielen Maljkovics Szenen in der Zukunft? Um dem historischen Ort eine neue Ebene zu geben, die eine geschichtliche und politische Deutung ausklammert. Ihn beschäftigt die Tatsache, dass ein ehemals so mit Bedeutung aufgeladener Ort zu einem leeren Raum werden kann. Diese Leere betont Maljkovics, indem er eine zukünftige Zeit wählt, die keine Linearität mehr zur Vergangenheit aufweist. "Ich nutze den Raum der Zukunft als ein Element von Offenheit," erklärt der 34-Jährige dazu in einem Interview mit der Kunsthistorikerin Natasha Ilic. Als Vor- und Nachbereitung zu seinen Videoarbeiten sieht Maljkovic seine Collagen, die aus zeichnerischen Elementen, Folien und Schrift bestehen und die im zweiten Raum des Kunstvereins zu sehen sind. Keinesfalls sollten diese jedoch als didaktisches Zubrot verstanden werden. Es sind völlig eigenständische Arbeiten, die dem Betrachter neue Utopien eröffnen.


David Maljkovic: Almost Here. Kunstverein in Hamburg, bis zum 18.11.


Published in SZENE HAMBURG 11/07 by Christiane Opitz
Foto: "Szene for new heritage", Whitechapel Art Gallery, London, 2007

Montag, September 10, 2007

Mandla Reuter – PICTURES


Nichts ist mehr privat. Diesen Eindruck könnte man jedenfalls gewinnen, wenn man heutzutage den Fernseher einschaltet und – ohne es zu wollen – Gast in den nachbarlichen Wohnzimmern wird. Dort beobachtet man dann Hinz und Kunz beim Kochen, Einrichten und Erziehen. Auch der in Berlin lebende Künstler Mandla Reuter widmet sich dem Privatraum, allerdings auf eine subtilere Weise. In einer 50-Quadratmeter-Wohnung in Kirchdorf-Süd richtet er ein temporäres Kino ein, komplett mit 35mm Projektor und Soundanlage, ganz so wie in einem echten Kinosaal - und deklariert damit den heimischen Lebensraum zum öffentlichen Lichtspielhaus. Im Programm: ein aktueller Blockbuster, wie er gerade auch in den kommerziellen Kinos läuft. Außerhalb des Gebäudes auf Höhe der Wohnung im 13. Stock kündigt ein großes Neonschild die Vorführzeiten und den projizierten Film an. Die Fragen, die der Künstler mit diesem Projekt aufwirft, streifen nicht nur den politischen Diskurs zum öffentlichen Raum, sondern kreisen auch um Kulturgebrauch, Wahrnehmung und Funktionsweisen der Raumnutzung. In erster Linie aber wird hier ein Spannungsfeld erzeugt. Dort wo die Öffentlichkeit in Gestalt des fremden Kinogängers auf das intime Zuhause einer Privatperson trifft, könnte sich etwas entwickeln, das zwischen Gastfreundschaft und Unbehagen changiert und wofür Jacques Derrida den Begriff der „Hostipitalité“ (zu deutsch: Gastfeindschaft) prägte. Wir wollen es nicht hoffen.


Mandla Reuter (Berlin): Pictures, Erlerring 10, Kirchdorf-Süd, Öffnungszeiten und Film (Die Simpsons): Mi., Sa., So. 19:30 Uhr bis 22:30 Uhr

Christiane Opitz, for SZENE HAMBURG 09/2007

Dienstag, August 07, 2007

Unverdünntes Leben




Frivoles Nachtleben, Großstadttypen und soziale Randbezirke – Das Bucerius Kunstforum zeigt 100 Aquarelle, sowie drei illustrierte Kinderbücher des Erfinders der Neuen Sachlichkeit, Otto Dix.

Die Menschen, die Dix malte, sind alles andere als schön. Dürre, skelettartige Frauenkörper, ausgemergelt, die Brüste schlaff herunterhängend, so begegnen dem Betrachter Animierdamen im Berlin der Goldenen Zwanziger. Aus bunt geschminkten, greisen Fratzen schauen ihre Augen starr und kalt geradeaus. Auf den Straßen sieht es nicht besser aus. Kriegskrüppel, mit Loch im Gesicht oder einem Holzbein, gelbsüchtige Kranke, Mörder. Sind die Menschen auf Dix’ Bildern nicht krank, vom Verfall gezeichnet oder schon tot, hocken sie einsam auf Balkonen herum oder blicken stumm, wie ein älteres Ehepaar in der Zeichnung „Das Fenster“ (1923), am Leben vorbei.
Dix war ständig auf der Jagd nach dem, was er selbst das „unverdünnte Leben“ nannte. Aus diesem Grund begab er sich in die Rotlichtbezirke und Salons, auch außerhalb Berlins, und dokumentierte dort Szenerien, die von fatalistischer Amüsiersucht einerseits und dem zwanghaften Verlangen nach spießiger Aufgeräumtheit andererseits zeugten. Dix, der sich auf Selbstportraits stets als gut gekleideten Dandy inszenierte, sah sich als „Auge der Welt“. Seinem analytischen Blick sollte kein gesellschaftliches Konstrukt, keine menschlichen Schwächen, keine Doppelmoral verborgen bleiben. Formal presste er seine Eindrücke nicht in ein stilistisches Korsett, sondern verfuhr mit Pinsel und Stift so, wie es ihm die Realität diktierte. Dazu überzeichnete Dix, bis ins Groteske, aber nur um das wahrhaft Abgründige hervorzukehren.
Ein Motiv zieht sich wie kein zweites durch Dix’ Werk, die bekannte, hier gespenstisch anmutende Allianz zwischen Eros und Thanatos. Auf dem Bild „Älteres Liebespaar“ (1923) hat es sich ein hochbetagtes Duo auf der Chaiselongue bequem gemacht. Während sein linker Arm auf ihren fleischigen Schultern ruht, ist seine rechte, knochige Hand in ihrem entblößten Schritt zugange. Ihre geilen Körper wollen Leben, sind jedoch dem Tod viel näher.
Trotz dieser essentiellen und somit eher „schweren“ Sujets (oder gerade deshalb?), sind Dix’ Motive nicht frei von humorvollem Bildwitz, der von derbe bis feinsinnig variiert und der formal durch einen karikaturistischen Zeichenstil betont wird. So werden besonders die Spießbürger jener Zeit mit ihrer steifen Korrektheit der Lächerlichkeit preisgegeben. Scheinbar sanftere Töne schlägt der Künstler in seinen farbenfroh illustrierten Kinderbüchern an, die er für seinen Neffen und seine eigenen Kinder anfertigte und von denen drei in der Ausstellung zu sehen sind. Artisten, Cowboys und wilde Tiere tollen hier fröhlich über die Seiten. Doch Obacht. Dix wäre nicht Dix, wenn nicht auch hier und da versteckt das Unheil lauern würde...



Otto Dix: Geisterbahn und Glanzrevue. Aquarelle und Gouachen, Bucerius Kunstforum, bis zum 9.9.


PUBLISHED IN SZENE HAMBURG 8/2007 BY CHRISTIANE OPITZ


© VG Bild-Kunst, Bonn 2007
Foto: Christie's Images Ltd 2007

Sonntag, Juni 17, 2007

Die Welt macht dick



In den Deichtorhallen spielen sich merkwürdige Szenen ab. Aus der Sofalehne ragt ein menschliches Bein. Stühle werden ihrer Funktion enthoben und wie ausgefallene Accessoires um den Leib geschlungen. Köpfe verschwinden in einer winzigen Holzhütte. Die Gliedmaßen, die hier so genüsslich mit Alltagsgegenständen verwachsen, gehören den Ausstellungsbesuchern der Erwin-Wurm-Retrospektive. "One Minute Sculptures" heißen diese Verrenkungen und ungewöhnlichen Positionen, die schließlich auf einem Foto festgehalten werden. Ende der 90er-Jahre initiierte Wurm ganze Serien dieser temporären, performativen Skulpturen. Achtung - hier wird ein vermeindlicher Widerspruch zelebriert, der die traditionelle Vorstellung von der Dauerhafigkeit der Skulptur in Frage stellt. Wurm schenkt ihr eine zeitliche Komponente und setzt die Skulptur so bewusst dem Scheitern aus, denn die Körper, die sich hier im Reigen mit allerlei Obst und Gemüse akrobatisch verbiegen, können nicht lange so verharren. Unter den Handlungsanweisungen des Meisters werden Individuen zu Darstellern, die im alltäglichen Leben nicht alltägliche Gesten vollführen müssen. Er macht sie zu Antihelden, deren Unzulänglichkeiten auf die Spitze getrieben werden. Das Festhalten des flüchtigen Moments - meist in einer Fotografie - verleiht diesem schließlich doch Dauerhaftigkeit und macht ihn in dieser Hinsicht einer klassischen Skulptur ähnlich.
Betrachtet man die Inszenierung des Körpers in den Arbeiten des Österreichers, so scheint es, als sei er seiner definierten , festgelegteen Form überdrüssig. Die Lösung liegt für Wurm in dessen Neuerfindung. Aufgeblasen, verwachsen, gebogen, transformiert - so begegnen dem Betrachter daher die Körper in Oevre Erwin Wurms, zum Beispiel das FAT HOUSE. Wie ein riesiger, zerfließender Käse steht es mitten in der Ausstellungshalle. Es hat sich vom festen, in einen flüssigen Aggregatzustand begeben. Aus der Form geraten, stellt das üppige Gebäude den kleinbürgerlichen Traum eines Eingamilienhauses dar, das genau wie seine Bewohner satt und selbstzufrieden wirkt. Wer dem Haus einen Besuch abstattet, wird Zeuge seines Seelenlebens: In einem Video, das Wurm 2003 produzierte, lässt er das fette Haus mit monotoner Stimme über das Verhältnis von Kunst und Architektur und seinen eigenen Status als Skulptur philosophieren.
Zum vollschlanken Haus gesellt sich das FAT CAR als weiteres übertrieben gezeichnetes Statussymbol. In hochglanzpoliertem, rotem Lack steht es da und parliert, in einem dazugehörigen Video über Drogen, Gewalt, Gott und das Leben. Plattitüden, aber auch konkrete Feststellungen über "fette" Firmen, Mächte, Städte - Metaphern Wurms für gescheiterte, gesellschaftliche Entwicklungen.
Auch der "Künstler, der die Welt verschluckte" ist fett. Er versucht sich die Welt anzueignen , indem er sie sich einverleibt, eine Versinnbildlichung des unstillbaren menschlichen Wissenshungers. Zusätzlich persifliert diese Arbeit die Künstliche Begabung, die Realität transformieren zu können. Eine weitere Skulptur, "Der Künstler, der die Welt verschluckte, als sie noch eine Scheibe war", spielt auf historische Wissensentwicklung an und lässt hier die den häufig aufblitzenden anthropologischen Ansatz Wurms erkennen.
Seine Kleiderskulpturen, die er Anfang der 90er Jahre anfertigte, stellen den Körper konkret infrage, machen ihn als Formgeber obsolet. Die über Blechröhren und Sockel gezogenen Hosen und Pullover definieren das Bild vom Körper neu, indem sie andere Oberflächen als die menschlichen, bekleiden. Auch die Staub-Arbeiten spielen mit körperlicher Präsens und Fiktion gleichzeitig. In leeren Vitrinen markieren feine Staubschichten, wo Objekte gestanden haben. Fehlt hier die eigentliche Skulptur? Nein, sie ist da, ersetzt als Imagination den materiellen Körper.


CHRISTIANE OPITZ


Erwin Wurm:"Das lächerliche Leben eines ernten Mannes, das ernste Leben eines lächerlichen Mannes" - Retrospektive, Deichtorhallen; bis 2.9.


Foto: ERWIN WURM, VG BILD-KUNST

Published in SZENE-HAMBURG June 2007

Donnerstag, April 12, 2007

Das muss erstmal verdaut werden



Wimperntierchen blinzeln illluminiert. target target target. Psychoplasmaschweine zittern vor HÜXL Task Force. Kernuntersuchung, die Maskerade dekodieren. Pixelstörungen. Rhizome. Dieses Zelt ist die Welt. Eingetrichtert und platt gewalzt. Mutter Natur hat Gold im Mund. forschen aufwühlen kontrollieren. Analyse der Fließgeschwindigkeit. Tropfend Kanäle durchkriechen, Gänge finden, mit Lupen und anderen Extensionen. Höhlen. Touristenexkursion führen ins Exil. Und wenn die Bombe explodiert, steht morgen in der Zeitung: Tod durch Bratwurstg´häck. Leuchtstoffe wie Kondensstreifen. Never mind Biomaschinen. Zunächst muss das Schwein durch gezielte Stromstöße in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden. Dann in die Ecke drängen und zustechen. Der Kadaver muss auf giftige Sporen untersucht werden. Dann essbar. Aufschäumen. In Waben. Wirken, die Ursuppe mit Nährflüssigkeit anreichern. Blut ist dick. Triumverat. Ein gefundenes Fressen. Macht was. Geschändet wachsen Wurzeln weiter. Turn up your experience. Mit Netz und doppeltem Boden von der vierten in die dritte Dimension. hit me. Im Weiher spielen depressive Robots Handygames. Das muss erstmal verdaut werden. Und am Ende hat die Wurst ein Ende. Erlegen, jagen, häuten, Vorräte anlegen und den Winter überdauern. Dauersteaming mit Knödelverfolgung. Heimat als Utopie. Tools R Us. Verzweigt connected mit mega-spezial Werkzeugen. Verbunden. Hand in Hand in den Mund. konservieren. sezieren. Flashbacks von Karpfengesichtern. Chemotronic Labnoise, Elektrolysehypnose. Ionen und Dioden erzeugen Blitzgewitter. Hohepriester XL Phantasma catch a dream von Freundschaft und Liebe. Darum Reflektorhelme, damit es einen nicht zerreist. Filter. Amplitudenausschlag. St. Antonius arbeitslos. Die freigesetzten Nanoteilchen müssen fluktuieren. In Kapseln werden sie durch aktive Systeme katapultiert, bis sie sich pulverisieren. In der Programmiersprache der Natur heißt das: H-Ü-X-L hoch3. Die Achse des Bösen muß draussen bleiben. Sonst wird sie gnadenlos gegrillt, gedrittelt und in ihre einzelnen Bausteine zerlegt. Warum sind die Touristen traurig? Weil der Karpfen weint? Weil die Fachwerkmuster von Nahem betrachtet nur klein mit Hut sind? Weil sie fremd sind. Hier leben. Danke nein. Und doch. Biomorphe Doppelherzfrequenz. Langzeitfolgen nicht ausgeschlossen (sogar sehr wahrscheinlich). wechseln kontaminieren Struktur beleuchten auschecken einchecken rahmen festlegen horten aufsaugen kaltstellen kochen abnagen abreißen aufbauen pausieren Ortsbeschreibung zusammen raufen gemeinsam Anfang Ende entdecken ziehen tragen teilen tanzen. Anlauf. Die Fährte aufnehmen. In der weit gefächerten Welt der Lebewesen trifft man unweigerlich auf solche, durch deren bloße Erscheinung und absonderliches Verhalten die menschliche Einbildungskraft in Erstaunen versetzen. Riesenhafte Tintenfische. Abgründe tun sich auf. Polyphallische Symbolik. Tiefenrausch. Hochkomplexe Leuchtorgane. Vampyroteuthis. Ins Ungewohnte tauchen.

Text zur Ausstellung "HÜXL`XL - FLASHBACKS REFLEKTORPHASE_A" vom 5.4. bis 15.4. im Westwerk/Hamburg.

Autorin: Christiane Opitz

Aufforderung zum Glück


Einfach mal einspannen, loslassen - das kann der Betrachter in den traumhaft schönen Landschaften Vivian Kahras. Märchenhafte Wälder in zarten Pastelltönen laden zu Spaziergängen ein, offene Lichtungen zum Bleiben. Manchmal begegnet man Menschen, anderen Flaneuren oder Sportlern, doch sie sind nicht auf Kommunikation aus, sondern wollen sich im Schoße der Natur verlieren.
Malereien als Naherholungsgebiete? Vivian Kahras Bildschöpfungen sind ambivalenter. Was hier noch mitschwingt, so romantisch-leicht ihre Landschaften auch anmuten, ist ein unbehagliches Gefühl, das Gefühl gespenstischer Einsamkeit. Diese ist sowohl einer entrückten Farbigkeit geschuldet als auch fragmentarischer Leerstellen, die große Teile der Szenerien zu verschlucken scheinen. In "Lichtung" aus dem Jahre 2006 nimmt eine solche Weißfläche fast zwei Drittel des Bildes ein. Im Hintergrund ragen fedrige Baumkronen in kühlen Blau- und Grüntönen in den farblosen Himmel. Davor ein Zaun, der sich nur schwach vor dem hellen Nichts abzeichnet. Am linken Rand, kleinere amorphe Löcher, die die Form der Äste und Sträucher immitieren. Hier scheinen Teile des Bildes wie mit einem Radiergummi entfernt worden zu sein.
Auch in der Arbeit "Passing the Forest" (2006) taucht dieser Kahlschlag auf. Auf der rechten Bildhälfte sieht man einen Baum, der nur noch schemenhafte Konturen aufweist. Man hat den Eindruck, nur noch Spuren seiner ursprünglichen Gestalt wahrzunehmen. Diese Flecken können als Aufforderung der Künstlerin verstanden werden, mit eigenen Fantasien die Szenerien zu vervollständigen, sich so eine private Glücksutopie zu schaffen. Andererseits demonstrieren die Auslöschungen Vergänglichkeit. Sie ähneln filmischen Einzelbildern, die nur flüchtig die Netzhaut des Betrachters streifen.
Die 35-Jährige selbst bezeichnet ihre Bildwelten als "materialisierte Erinnerungen", die sich lediglich in einer ehrlichen Sekunde offenbaren. Sie spielt bewusst mit Grenzverwischungen zwischen Innen und Außen. In ihren Bildern ist beides immanent: Sie zeigen Gedankenräume, die trotz ihrer Visualisierung auf Leinwand keine Beständigung aufweisen. Die Motive, Landschaften, Orte scheinen immer in Bewegung zu sein und ähneln so den fluktuierenden Kopfbildern. Die weißen Löcher treten dort auf, wo Bildinformationen in Vergessenheit geraten.

Vivian Kahra "Inner Movies": Galerie Peter Borchardt, 30.3. - 9.6.
Abbildung: Copyright Galerie Peter Borchardt

TEXT: CHRISTIANE OPITZ

Published in SZENE HAMBURG 4/2007

Freitag, März 02, 2007

Größer als das Leben


Das Bucerius Kunstforum zeigt im ersten Teil seiner Ausstellungstrilogie „150 Jahre Amerikanische Kunst (1800 – 1950)“ frühe Meisterwerke der Hudson River School.

Majestätische Bergrücken, sonnendurchflutete Täler, Sonnenaufgänge in zartrosé – Die Landschaften von Thomas Cole und anderen Vertretern der Hudson River School sind zu schön, um wahr zu sein. Wenn die Titel der Arbeiten nicht auf reale Orte, wie den Hudson oder die White Mountains verweisen würden, könnte man glauben, diese fast menschenleeren Auen und Küsten wären einem idealisierten Utopia entsprungen. Und teilweise sind sie es auch. Trotz des Anspruchs einer möglichst realistischen Abbildung der Natur, kam es vor, dass Cole & Co Teile aus anderen Gegenden in ihre eigenen Traumlandschaften einbauten, nie jedoch, ohne die Achtung und Ehrfurcht vor den Naturwundern ihrer Region, zu verlieren. Im Gegenteil: Die Überhöhung war unmittelbarer Ausdruck einer ehrlichen, von Herzen kommenden Respekts- und Liebesbekundung. Sie waren stolz auf ein Land, das als Nation zwar noch jung war, es aber erdgeschichtlich durchaus mit Europa aufnehmen konnte, den alten Kontinent sogar in naturbelassener Weite noch übertraf.
Die Hudson River School war ein loser Verband aus etwa 72 Landschaftsmalern, die Mitte des 19. Jahrhunderts im State New York lebten und wirkten. Ihre Sujets: die Naturschönheiten des Hudson Flusstals, felsige Schluchten und die Wälder der Catskill Mountains. Ihre wichtigsten Vertreter waren unter anderem der in Solingen geborene Albert Bierstadt, Sanford Robinson Gifford, Frederic Edwin Church und selbstverständlich Thomas Cole, der als Begründer der Bewegung gilt. Von ihrem Atelier in der New Yorker Tenth Street aus, unternahmen die Künstler ausgedehnte Sommerreisen in die Umgebung. Die dort angefertigten Skizzen und Aufzeichnungen dienten dann in den Herbst- und Wintermonaten als Vorlagen für die großen Gemälde.
Das Thema Landschaft war die wichtigste nationale Kunstgattung in den USA, die von Beginn an auf den Markt ausgerichtet war. Sammler rissen sich um die Bilder der Hudson River School, weil sie explizit „amerikanisch“ waren und die junge Nation aus Einwanderern durch ihre erhabenen Naturdarstellungen zu einen verstanden. Motive, wie die mächtigen Niagara Fälle oder das lichtdurchflutete Yosemite Valley, verbreiteten eine Aura des Göttlichen und man war der Auffassung, von oberster Stelle aus reich beschenkt worden zu sein. Aus diesem Selbstbewusstsein heraus speist sich der Glaube an eine bedeutende, zivilisationsgeschichtliche Rolle Rolle Amerikas in der Welt, die sich bereits in diesen frühen Äußerungen der amerikanischen Kunst manifestiert.
Die Erforschung des Kontinents in Richtung Westküste war in vollem Gange und ersten Touristen machten sich auf, ihr Land mit seinen Millionen Jahre alten Naturwunder zu erkunden. Nicht zuletzt motiviert durch die sehnsuchtsvollen, wild-romantischen Landschaftsdarstellungen der Hudson River School. Doch so träumerisch die Motive anmuten, so moralisch waren sie gleichzeitig gemeint. Den Malern ging nicht nur um schwelgerische Ausflüge in die unberührte Wildnis, die sakralen Huldigung heimatlicher Gefilde, sondern auch um einen naturwissenschaftlichen Anspruch - der Erforschung von Flora und Fauna. Thomas Cole machte in den 1830er Jahren zudem vor den Gefahren des industriellen Fortschritts aufmerksam, sah insbesondere im Ausbau des Eisenbahnnetzes eine große Bedrohung für die Natur. So sind seine hyperrealistischen Szenerien, immer auch als Mahnung zu verstehen, ganz so, als wolle er dem Betrachter sagen: Seht! Dieses Paradies gilt es zu bewahren!
Die Trilogie „150 Jahre Amerikanische Kunst (1800 – 1950)“ im Bucerius Kunstforum wird im nächsten Jahr mit impressionistischen Portraits des „Gilded Age“ fortgeführt und endet 2009 mit den „Großstadtbildern“ der Ash Can School bis Edward Hopper.

„Neue Welt. Die Erfindung der amerikanischen Malerei“. Frühe Meisterwerke der Landschaftskunst aus der Neuen Welt: Bucerius Kunstforum bis 28.5

>>> text: Christiane Opitz

PUBLISHED IN SZENE HAMBURG, MARCH 2007

Bildquelle: "View in the white Mountains" by Thomas Cole, 1827; Bucerius Kunstforum

Mittwoch, Februar 07, 2007

Sich selber sehen


Die Kunsthalle zeigt über 120 Arbeiten der finnischen Modernistin Helene Schjerfbeck (1862-1946).

Das zarte Mädchengesicht wirkt verloren und unendlich traurig. Riesige blaue Augen scheinen ins Leere zu blicken. Sie sind mit Tränen gefüllt. Wirres blondes Haar. Ihre Hände halten einen dünnen Zweig in einer Tasse, der genauso zerbrechlich wirkt, wie sie selbst. „Die Genesende“ heißt dieses Bild, gemalt 1888 von der in Europa wenig bekannten finnischen Künstlerin Helene Schjerfbeck. Obwohl der damals 27-Jähigen für dieses impressionistisch beeinflusste Bild 1889 auf der Weltausstellung in Paris die Bronzemedaille verliehen wurde, gelangte sie, trotz dieser frühen Erfolge nie zu dem großen Ruhm, der ihrem außerordentlichem Talent angemessen gewesen wäre. Über die Gründe kann nur spekuliert werden. Vielleicht lag es an ihrem aufmüpfigen Wesen. Vom Realismus kommend und impressionistische Einflüsse aufgreifend verweigerte sich Schjerfbeck zur Jahrhundertwende der verordneten Nationalromantik ihrer nordischen Heimat und beschritt ihren ganz eigenen Weg. Selbstbewusst setzte sie moderne Kunstauffassungen um, nahm sogar bereits Momente der Abstraktion in einigen Bildern vorweg.
Möglicherweise war ihre schwache Konstitution der Grund für den ausbleibenden internationalen Erfolg. Schjerfbeck litt Zeit ihres Lebens unter starken Schmerzen, die sie 1902 sogar dazu zwangen auf weitere Reisen nach Paris, Florenz und Wien zu verzichten. In ihrer Heimat war sie zu diesem Zeitpunkt bereits eine der wichtigsten finnischen Künstlerinnen. Schjerfbeck zog sich aufs Land zurück und malte in den folgenden 50 Jahren selbstgewählter Isolation das einfache Leben von Schulmädchen und Näherinnen in ihrem ganz eigenen expressiven Stil. Zunehmend wählte sie sich selbst als Motiv. An eine Freundin schrieb sie: „Wo ich jetzt selten die Kraft habe zu malen, habe ich mit einem Selbstportrait begonnen, man hat das Modell immer zur Hand, nur ist es nicht immer so lustig, sich selber zu sehen.“ So zeigt das „Selbstbildnis mit Palette“ Schjerfbeck als 75-Jährige. Bis auf die Farben der Palette - blau, weiß, gelb und rot - ist das Bild vollständig in Grautönen gehalten. Auffällig sind die stark konturierten Augen, die den Betrachter aus dem hageren Gesicht heraus anblicken. Schonungslos dokumentiert die Malerin hier ihren eigenen körperlichen Zerfall.
Helene Schjerfbecks Selbstportraits sind es, auf die die Retrospektive der Kunsthalle einen besonderen Fokus richtet. Insgesamt werden über 120 Ölbilder, Aquarelle und Zeichnungen – darunter auch ihre bekannten Stilleben – gezeigt. Zu sehen sind Arbeiten, die nach dem Tod der Künstlerin selbst in Skandinavien noch nicht ausgestellt wurden.

Christiane Opitz

Helene Schjerfbeck, Retrospektive, 2.2. bis 6.5. Kunsthalle Hamburg (im Hubertus-Wald-Forum), Eröffnung: 1.2. 19 Uhr.

Published in SZENE HAMBURG, 2/2007

Bild: Helene Schjerfbeck, Selbstbildnis mit Palette 1, 1937
© Moderna Museet, Stockholm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2006

Samstag, Januar 06, 2007

„Wir haben sehr viel vor“


In diesem Monat startet das neue Programm des Kunstvereins Harburger Bahnhof mit der Asstellungsreihe „Reihe: Ordung“. SZENE HAMBURG sprach mit dem neuen künstlerischen Leiter, dem Künstler Tim Voss.

Szene Hamburg: Der Harburger Kunstverein hatte in der Vergangenheit eine große Fluktuation von Leitern und Kuratoren. Sie treten jetzt mit einem auf zwei Jahre angelegten Konzept an. Was haben Sie vor?

Tim Voss: Die Ausstellungsreihe „Reihe: Ordnung“ ist der Versuch, das Programms des Kunstvereins Harburger Bahnhof über eine neue Kontinuität erfahrbar zu machen. Insgesamt sieben formal und inhaltlich miteinander verbundene Ausstellungen unter den einzelnen Schlagwörtern und Titeln Arbeit, Liebe, Geld, Macht, Sex, Freiheit und Zukunft sollen einen affirmativen Anreiz für die Besucher bieten. Darunter geht es uns in einer Teamarbeit mit den Künstlern um eine ästhetische Aufteilung und Sichtbarmachung des Gemeinsamen des Gemeinschaft – voller Überraschungen. Neben der Ausstellungsreihe wird es aber auch einige kleinere Projekte geben.

Wie wollen Sie das Publikum vor Ort für den Kunstverein gewinnen?

Harburg hat eigentlich eine Öffentlichkeit für Kunst. Der Kunstverein ist sehr gut besucht, auch wenn er etwa die Hälfte seines Publikums von nördlich der Elbe zieht. Es gibt mehrere attraktive Kunst-Orte in Harburg, zum Beispiel die Sammlung Falckenberg in den Phönix-Werken und Art-Agents-Gallery. Trotzdem ist eine gute Öffentlichkeitsarbeit bisher vernachlässigt worden. Ein Mitgliederangebot mit Vorträgen und Führungen, wie man es aus anderen Kunstvereinen kennt, gab es hier in Harburg nie. Das werden wir einführen. Mein Wunsch ist es, dass es uns gelingt, für den Betrachter Situationen zu schaffen, die das Verhältnis zwischen ihm und der Kunstbetrachtung enthierachisiert. Wir haben sehr viel vor, ob es uns gelingt werden wir sehen.

Was möchten Sie mit Ihrem kuratorischen Team noch verändern?

Wir, das heißt Susanne Schröder, Veit Rogge und ich , wollen professionelle Strukturen einführen. Das heißt, wir wollen nicht nur unsere Ideen hineintragen, sondern kümmern uns auch um die Finanzierung. Für die erste Ausstellung haben wir jetzt Geld von der Bundeskulturstiftung bekommen. Auch zur Kulturbehörde haben wir wieder Kontakt aufgenommen, der verloren gegangen war. Aber wir suchen auch nach überregionalen Sponsoren und bieten Editionen an.

Wie sah die Vorarbeit zur ersten Ausstellung „Arbeit“ aus?

Wir haben uns gefragt: Was haben wir für einen Begriff von Arbeit und Tätigkeit? Gerade aus der künstlerischen Produktion heraus, die aus dem scheinbaren Paradox besteht, dass der Künstler zweckfrei arbeiteten und forschen soll, und genau darin seine Funktion besteht. Außerdem hat uns die Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen interessiert. Da wurde auf einmal wieder die Frage gestellt „Wie lebe ich und wir möchte ich leben?“ und über Menschenbilder diskutiert. Das hat uns an dem Thema gereizt. Weniger seine realpolitische Umsetzbarkeit. Von diesem Gedanken werden wir ausgehen und die Initiative einfach mal als Kunstwerk behaupten.

Sehen Sie sich selbst mehr als Künstler oder mehr als Kurator?

Ich bin von meiner Ausbildung her Künstler, habe aus meiner jetzigen Praxis heraus mit beiden Begriffen so meine Schwierigkeiten. Aber scheinbar geht der Trend eh hin zur Mischform – wenn man sich beispielsweise anschaut, was Roger Bürgel für die nächste dokumenta vorhat. Die Definitionen sind in der Schwebe. Wir wollen ja auch in dieser Ausstellungsreihe unsere eigenen Arbeitsbedingungen im Harburger Bahnhof, die Strukturen mit thematisieren. Hierauf spielt auch der ironisch gemeinte Begriff der Ordnung an. Dazu gehört, dass wir jede Hierarchie in Frage stellen möchten, zum Beispiel eben auch in den Begriffen Kurator und Künstler.

Interview: Christiane Opitz

Harry Sachs, Franz Höfner, Markus Lohmann und Michael Böhler: „Arbeit“, 27.1. bis 1.4., Eröffnung: 27.1., 20 Uhr; „Reden über Reihe: Ordnung“ mit dem Archiv Kultur & soziale Bewegung: 20.1. 16 Uhr; Öffentliches Künstlergespräch: 28.1., 16 Uhr, Kunstverein Harburger Bahnhof., Im Fernbahnhof, Hannoversche Straße 85, Di-So 11-18 Uhr, Do 11-21 Uhr, Telefon 76 75 38 96; www.kunstvereinharburgerbahnhof.de.



Published in SZENE HAMBURG, January 2007

Sonntag, Dezember 03, 2006

„Ich komme vom Gesicht einfach nicht los“


Die Blankeneser Portraitmalerin Danka Kowalski forscht nach den Geschichten hinter den Gesichtern. In jeder Falte, in jedem Blick spürt sie der Vergangenheit ihrer Modelle nach. Kowalski malt Seelenlandschaften

Behutsam legt der Mann auf dem Bild seine Hände um den Vogel. Der Mann ist alt, Falten durchfurchen sein Gesicht. Um seinen Mund herum wirkt es seltsam eingedrückt, was daran liegt, dass er sein Gebiss nicht trägt. Trotzdem wirkt er würdevoll. Seine Augen drückt so viel aus, Trauer und Schmerz – und gleichzeitig närrischen Schalk und Zärtlichkeit, die ganze Palette der Emotionen eben, die ein spannendes Leben wie seines zu bieten hat.
Bei dem Vogel handelt sich um eine verletzte Taube, die er in seiner Wohnung in St. Pauli hält, erzählt Danka Kowalski, die Malerin dieses Portraits, und bei dem Mann, um Sylvin Rubinstein, einen 92-jährigen, ehemaligen Weltstar, der in den dreißiger Jahren als Flamencotänzer große internationale Erfolge feierte.
Danka Kowalski lächelt, als sie von Rubinstein erzählt. „Manchmal flucht er ganz fürchterlich auf jiddisch,“ grinst sie, „oder er bekommt diesen stechenden Blick, wenn er von seinem Widerstand gegen die Nazis erzählt.“
Danka ist ein zierliche Person mit wilder, rotbrauner Lockenmähne und wachem Blick. Und sie redet schnell, die Worte sprudeln förmlich aus ihrem Mund, eingefärbt in einem charmanten polnischen Akzent. „Was ich male, sind die Geschichten von Menschen. Das ist es was mich interessiert.“, sagt sie. Am liebsten sind ihr daher ältere Gesichter, die im wahrsten Sinne „vom Leben gezeichnet sind“. Diese verewigt sie in Öl, formatfüllend und fotorealistisch, auf mittelgroßen Leinwänden.

Geschäftig huscht die agile Frau durch ihr offenes und helles Atelier, zieht mal hier mal dort Skizzen, Fotos und Malereien aus Stapeln hervor und erzählt in einem nicht abreißen wollenden Wortstrom von den Geschichten der Menschen, die auf den Bildern zu sehen sind.
Da ist zum Beispiel Isi, 84 Jahre, eine Frau mit wachen, freundlichen Augen, die ihr mit ihrer Art unglaublich imponiert hat. Richtige Freundinnen sind sie geworden, in der kurzen Zeit, die sie sich kannten. Oder der Vater einer Freundin, der bereits sterbenskrank gewesen ist, als sie ihm zum ersten Mal begegnet. Das Modellsitzen bei Danka, lässt ihn aufblühen. Aus Pietät malt sie ihn ohne seinen Beatmungsschlauch. Als er stirbt, werden ihre Bilder rund um den Sarg herum aufgestellt. Die Tante ihrer Freundin Joanna aus Warschau wiederum trifft sie nie. Es gibt nur Fotos als Anhaltspunkte. Zum Glück hat ihre Freundin die Idee mit dem Tonband. Sie nimmt heimlich Erzählungen der Tante auf und schickt die Kassette nach Hamburg. Mit der spannenden Lebensgeschichten im Ohr, malt die Künstlerin mehr, als auf den Fotos zu sehen ist. Das Gesicht weist beeindruckende Charakterspuren auf und eine Tiefe, die man selten in gemalten Portraits vorfindet.

Danka Kowalskis eigene Geschichte ist ähnlich turbulent, wie die ihrer Modelle. Sie studiert in Warschau an der Kunstakademie, als Ende der 60er Jahre antisemitische Stimmung im Land aufkommt. Unter Innenminister General Moczar werden insgesamt etwa 20.000 polnische Juden zum Verlassen des Landes unter Verlust der Staatsbürgerschaft gezwungen, darunter auch Danka und ihr Mann. Nach Stationen im ehemaligen Jugoslawien und Holland, kommen beide als Asylsuchende nach Deutschland. In Düsseldorf studiert Danka dann von 69 bis 71 an der Kunstakademie. 1975 gehen sie nach Hamburg, wo ihr Mann eine Stelle als Physiker bei DESI bekommen hat. Die kleine Familie – inzwischen sind sie zu dritt - lässt sich unweit des Forschungszentrums in Blankenese nieder, wo die Künstlerin heute noch mit ihrem Mann lebt. Danka studiert weiter an der Kunsthochschule am Lerchenfeld, bekommt zwei weitere Kinder und reist mit ihrer Familie bald hier bald dorthin, zwei Jahre Genf, Israel und USA. „Das Leben war ziemlich abwechslungsreich“, kommentiert sie bescheiden ihre ereignisreiche Biografie.
Trotz der zahlreichen Stationen in ihrem Leben: Blankenese ist und bleibt ihre Heimat, denn hier befinden sich Dankas Freunde, ihre Arbeit und ihr bezauberndes Heim, ein ehemaliges Kapitänshäuschen, direkt an der Elbe gelegen. Und - was der Künstlerin und politisch engagierten Frau besonders wichtig ist - hier passiert etwas. In ihrer Umgebung gibt es zahlreiche interessierte Menschen, die etwas auf die Beine stellen, Ausstellungen organisieren oder zur Geschichte Blankeneses recherchieren, zum Beispiel im „Verein zur Erforschung der Geschichte der Juden in Blankenese“ oder der sehr aktiven Kirchengemeinde.

Geschichten sind überall. Besonders schöne, spannende und dramatische spiegeln sich in den Augen der Gesichter wider, die Danka Kowalski auf ihren Bildern festgehalten hat.
Und dennoch gibt es Momente, wo sie sich nach neuen künstlerischen Herausforderungen sehnt. Dann will sie „weg vom Gesicht“ und hin zur Abstraktion. Von Benedikt, dem „Freund einer Freundin“ fertigte sie unzählige Bilder an, nur mit Ausschnitten seines Gesichtes. Sie ging sehr nah heran, dachte, die Formen würden sich mit der Zeit auflösen und sie zur „reinen Malerei“ führen. Sie wollte die Persönlichkeit des Mannes in eine abstrakte Form bringen, ihm dort ein Denkmal setzen. Letztendlich scheiterte dieses Unterfangen. „Ich komme vom Gesicht einfach nicht los,“ seufzt die 60-jährige schicksalsergeben, aber nicht unglücklich.
Rubinstein schaut gnädig aus seinen Augenwinkeln hinunter auf die kleine Frau. Die Gesichter an den Wänden lächeln.

text: Christiane Opitz

Published in ALTONA MAGAZIN Ausgabe 2/2006 (November 2006)

Samstag, Dezember 02, 2006

Made in Hamburg


Zum sechsten Mal jährt sich Index, die „Übersichtsschau für aktuelle Kunst“ in Hamburg. Was ist neu? Christiane Opitz sprach mit der künstlerischen Leiterin und Index-Gründerin Elena Winkel

Szene Hamburg: Ist der Zauber des Anfangs nach fünf Jahren Index immer noch da?
Am Anfang war eher Chaos und Euphorie, denn der erste Index wurde gemeinsam
mit meiner Freundin Angela Schlösser innerhalb eines Monats auf die Beine gestellt. Teilnehmer waren befreundete Künstler. Das ganze war im Grunde eine Kurzschlusshandlung. Aber daraus ist dann das geworden, was Index heute ist, nämlich eine größere Veranstaltung mit viel mehr Besuchern und viel mehr Künstlern. Der Zauber ist mit den Jahren eher gewachsen. Dieses Jahr ist die Aufregung besonders groß, denn erstmals wurden Arbeiten extra für Index06 produziert. Das ist ein toller Beweis dafür, dass das Projekt von den Künstlern akzeptiert wird - und um die geht es ja im Wesentlichen.


Wie wurden die 50 teilnehmenden Künstler ausgewählt?

Neu war dieses Mal, dass es eine offene Ausschreibung gegeben hat. So konnte ich zum ersten Mal sehen, wie viele Künstler sich für Index interessieren. Sonst war es immer so, dass ich die Künstler gezielt angesprochen habe, weil ich deren Arbeiten in Ausstellungen gesehen hatte, in der Jahresausstellung der Hochschule, in kleinen Galerien in Hamburg oder temporären Ausstellungsräumen. Erstmals hatte ich dieses Jahr Unterstützung bei der Auswahl der Arbeiten und zwar von dem Kurator Thorsten Albertz.

Thorsten Albertz ist Kurator und Geschäftsführer der Berliner Galerie Arndt & Partner, die 2004 den Hamburger Maler Henning Kles auf der Index entdeckte. Wie hat die Zusammenarbeit mit Albertz geklappt? Gab es Auseinandersetzungen?
Ja gab es. Aber positiver Natur. Dass Thorsten Albertz und ich uns in den meisten Punkten einig waren, zeigt vielleicht, dass man in der Kunst doch so etwas wie einen Qualitätsbegriff zumuten kann. Vielleicht haben wir auch nur den selben Geschmack. Jedenfalls haben wir viele Ateliers aufgesucht. Bei der Auswahl der Arbeiten ging es in erster Linie darum, klare Positionen herauszuarbeiten. Wenn 50 Künstler ausstellen ist das einfach sehr wichtig, dass jede/jeder Einzelne möglichst eindeutig präsentiert wird, auch wenn dadurch nur ein Ausschnitt aus dem gesamten künstlerischen Ansatz berücksichtigt wird. An dem Punkt kam es dann manchmal zu Auseinandersetzungen mit den Künstlern. Außerdem hat sich Herr Albertz mit Kritik nicht zurückgehalten und beispielsweise auch gesagt, wenn ihm Werke zu gefällig schienen. Ausgewählt haben wir gezielt Arbeiten, die Brüche aufweisen, die nicht nur schön sind, sondern geheimnisvoll, seltsam, einfach besonders.

Welche Arbeiten sind speziell für Index entstanden?
Einige sind noch in Arbeit - (zum Glück sind es Installationen - wären es Bilder, wäre am 8. Dezember wohl die Farbe noch nass) zum Beispiel wird Burg Koller einen Wunschbrunnen zeigen, aus dem man eine Münze entnehmen kann, um einen Wunsch zurückzunehmen ("When taking a coin - cancel a wish"). Ein schöne, ironische Referenz an eine Verkaufsausstellung. Oder Almut Grystra, die eine Handy-Maschine mit dem Titel "artbrut" produziert hat, auch extra für die Ausstellung. Die Arbeit spielt mit kuriosen Wortschöpfungen, die mit der Spracherkennung des Handys entstehen können.

Die letzten Jahre wurden fast ausschließlich leichter verkäufliche Malerei, Zeichnung und Fotografie gezeigt. Dieses Jahr sind viele Skulpturen und Installationen dabei. Zufall?
Das ist keine Reaktion auf einen Markt-Trend. Dieses Jahr haben sich einfach viele Künstler mit sehr guten plastischen Arbeiten beworben. Ein Beweis dafür, das nicht der Markt die Trends vorgibt! Es sind die Künstler, die entscheiden. Ein Glück.

Wie sieht die Zukunft aus? Was passiert bei Index07?
Es wird sich einiges tun. Index wird ab dem nächsten Jahr nicht mehr im Dezember sondern schon Anfang Herbst stattfinden und sich damit und sich damit von dem Image der Weihnachtsmesse distanzieren. Außerdem soll der Aspekt der "überregionalen Aufmerksamkeit", weiter ausgebaut werden. Ein Ableger von Index in Berlin wäre zum Beispiel reizvoll. Aber auch hier würde die Förderung aktueller Kunst aus Hamburg an erster Stelle stehen. Index soll den lokalpatriotischen Ansatz der Anfänge nicht verlieren. Es geht ja primär um die Kunst in Hamburg und um die Strukturen ihrer Vermittlung.

Interview: Christiane Opitz

Index06: Kunsthaus Hamburg, Klosterwall 15, Mo-So 11-18 Uhr; 9.-12. Dezember, Eröffnung 8. 12. , 19 Uhr; siehe auch: www.index-hamburg.de

Published in SZENE HAMBURG, 11/2006

Der Amokläufer in mir



Ich bin ein nettes Mädchen aus gutem Hause. Seit T.C. Boyle weiß ich, dass mich das nicht davor schützt, zum fremdenfeindlichen Paranoiker zu werden


Neulich im Supermarkt Hamburg-St.Georg. Auf der konzentrierten Suche nach irgendetwas, pralle ich mit meinem Einkaufswagen in einen jungen, dunkelhäutigen Mann. „I´m sorry“, murmele ich, ohne groß nachzudenken – aber auch in der Annahme, dass er ein deutsches „Entschuldigung“ nicht verstehen würde. „Nichts für ungut, junge Frau,“ entgegnet der Angerempelte in lupenreinem Hochdeutsch. Ich bin verblüfft. Er ist Hamburger, genau wie ich, durchzuckt es mich. Ja klar, warum auch nicht? Peinlich berührt biege ich mit meinem Wagen eilig in den nächsten Gang und verstecke mich hinter dem Gemüse.
Später im Rückblick dann der Ärger über mich selbst. Da hält man sich für offen und tolerant und dann ertappt man sich im Alltag wieder bei solch blöden Vorurteilen. Dabei müsste ich es doch eigentlich besser wissen: eine bildungsbürgerliche Erziehung genossen, ein geisteswissenschaftliches Studium an einer eher linken Uni absolviert, schwule Freunde – nützt alles nichts, dennoch schleichen sich diese politischen Unkorrektheiten ein, die einen daran zweifeln lassen, wie tolerant man denn nun wirklich ist. In der Theorie sind wir natürlich alle frei von Vorurteilen. In der Praxis hapert es. Musste ich ernüchtert feststellen.
Auch T.C. Boyles Roman América beginnt mit einem großen Knall. Der liberale Saubermann Delaney Moosbacher fährt mit seinem frisch gewachsten japanischen Wagen einen Mann über den Haufen. Den illegalen Mexikaner Cándido. Da es Delaneys gute humanistische Erziehung verbietet weiterzufahren, steigt er aus und sucht im abschüssigen, dicht bewachsenen Hang des Canyons nach dem Verletzten. Schließlich findet er den blutverschmierten Mann. Der versteht aber weder Englisch noch Französisch. Delaney drückt Cándido zwanzig Dollar in die Hand und fährt weiter.
Dieser Crash zu Beginn des Romans ist nur der erste große Zusammenprall. Viele sollen folgen. Fest steht: Das Leben der Männer ist von diesem Moment des Unfalls an auf schicksalhafte Weise miteinander verknüpft. Dabei könnten die Situationen der beiden kaum unterschiedlicher sein. Delaney lebt im aufgeräumten Vorort Arroyo Blanco, gemeinsam mit Sohn und Gattin. Diese ist eine erfolgreiche Immobilienmaklerin, während der naturverbundene Delaney Kolumnen über die Flora und Fauna des Canyons für eine Zeitschrift schreibt. Die Moosbachers sind gebildete Anglo-Amerikaner, stilvoll, tierlieb, ernährungsbewusst, liberal.
Das krasse Gegenteil verkörpern Cándido und seine schwangere Frau América. Sie hausen wie Tiere versteckt im Canyon, ernähren sich von den Resten, die die Wohlstandsgesellschaft wegschmeißt und führen ein Leben in Angst vor der Polizei, gewaltbereiten weißen Vorstadtkids und sogar ihren eigenen Landsleuten.
Was an Boyles Roman beeindruckt und verstört, ist die Wandlung des politisch korrekten Delaney, der sich auf einer Bürgerversammlung noch vehement gegen einen Schutz-Zaun rund um die Siedlung ausspricht, hin zu einem fremdenfeindlichen, aggressiven, zutiefst verängstigten Mann, der hinter jeder Häuserecke Unheil vermutet. Seine Wahrnehmung verengt sich im Verlauf des Romans zunehmend, hin zu einem klaren Feindbild: den Illegalen.
Es beginnt mit leisen Zweifeln, ob Cándido nicht absichtlich vor sein Auto gelaufen sei, um ihn um Schmerzensgeld zu erpressen. Dann findet er immer mehr Indizien für die barbarische Natur der Fremden, zum Beispiel, dass der Canyon seit ihrer Ankunft im Müll erstickt. Delaney, der mit Berichten über einheimische Tier- und Pflanzenarten sein Geld verdient, beobachtet diese Entwicklung mit Grausen. Seine Kolumnen werden wirrer und paranoider. Immer öfter ist die Rede von fremden Arten, die sich ausbreiten und die heimischen Rassen verdrängen. Einmal schreibt er: „Die Coyoten sind auf dem Vormarsch; sie sind gerissen, scharfsinnig, hungrig und nicht aufzuhalten.“
Die Lage spitzt sich weiter zu, als tatsächlich ein Coyote in den Garten der Moosbachers eindringt und einen ihrer Hunde tötet. Das Maß ist voll. In Delaneys Kopf verschwimmen Coyote und Mexikaner zu einer tödlichen Bedrohung. Das Unzivilisierte bahnt sich unaufhaltsam seinen Weg in die amerikanische Kultur – und Delaney greift zum Colt.
Besonders schmerzhaft sind die unterschiedlichen Prioritäten der beiden Parteien, die Boyle gnadenlos in Kontrast zueinander setzt. Für die Mexikaner im Canyon geht es schlichtweg ums nackte Überleben, während Delaney jeden Morgen Kaffee mit fettarmer Milch trinkt (der Kalorien wegen) und regelmäßig joggen geht. Das Leben Américas und ihres Mannes ist für sich genommen schon schlimm, doch im direkten Vergleich zum Moosbacher´schen Way of Life wirkt es wie die Hölle auf Erden.
In América geht es um die Menschlichkeit und die Schwierigkeit, sie zu bewahren. Menschlich zu handeln ist leichter, wenn die Grundbedürfnisse gewährleistet sind. So lautet Boyles versteckte These. Dennoch sind es gerade die reichen Amerikaner, die sich den Mexikanern gegenüber unmenschlich zeigen. Das Aufeinanderprallen dieser beiden Existenzen öffnet Delaney nicht die Augen für politische und soziale Missstände oder führt ihn dazu sein Handeln zu hinterfragen. Es bewirkt genau das Gegenteil: Argwohn und Angst.
Ich habe mich nach der Lektüre des Buches gefragt, wie viel von Delaney Moosbacher in mir selbst steckt. Und wenn er da irgendwo lauert – wie ich verhindern kann, dass er Amok läuft. Wie viel Misstrauen und Vorurteile habe ich selbst gegenüber den Anderen? Ich bin gebildet und satt, ich lebe einer Demokratie. Ich habe die besten Voraussetzungen, um nicht zum fremdenfeindlichen Paranoiker zu werden. Um echte Anteilnahme, echtes Verständnis zu zeigen, keine antrainierte political correctness. Nach diesem Roman habe ich angefangen, mich selbst zu beobachten, mir vorzunehmen nächstes Mal anders zu reagieren. Ich will daran arbeiten, den inneren Zaun abzureißen. Oder zumindest eine große Pforte hineinzubauen.
Am Ende des Romans siegt übrigens doch noch die Menschlichkeit. Der eine rettet dem anderen das Leben, als beiden das Wasser buchstäblich bis zum Hals steht. Es ist Cándido, der Delaney vor dem Ertrinken rettet. Er tut instinktiv das, was der reiche Weiße aus Los Angeles eigentlich hätte tun sollen und wozu er die ganze Zeit über Gelegenheit gehabt hätte: dem anderen die Hand zu reichen.

Christiane Opitz

Published on Zeit.Zuender online 11/2006

Montag, August 28, 2006

Dunkle Natur


Projektraum FILTER widmet dem Sujet „Wald“ eine Gruppenausstellung – mit drei KünstlerInnen aus Island, USA und Spanien.

Der nostalgisch verklärte Blick auf den Wald als Gegenentwurf zur rastlosen, hochgetakteten Existenz in den Städten ist keine Erfindung unserer Zeit. Wald als Mythos, als Sehnsuchts- und Zufluchtsort, so kannten ihn schon die großen Romantiker des 18. Jahrhunderts. Literaten wie Künstler preisen seit dem seine geheimnisvolle Aura und selige Natur. „Back to Nature“ - dieses Postulat wird heute noch immer dann laut, wenn Chaos und Unsicherheit im hyper-urbanisierten Leben derart zusetzen, dass nur noch die Flucht in die archaischen Wälder Rettung verspricht. Doch Vorsicht. Der Wald kann auch anders. Als Hort des Unheimlichen ist er Brutstätte des Bösen, Heimat märchenhafter Kreaturen und düsterer Geheimnisse .
Diese trifft man in der Arbeit der isländischen Künstlerin Gabríela Fridriksdóttier an. In ganz unterschiedlichen Medien – u.a. Skulpturen, Video und Zeichnungen – erzählt die 35-jährige mit skurriler Bildsprache aus der Sagenwelt Islands. Bizarre Natur gepaart mit dunklem Spiritualismus eröffnen dem Besucher eine fantastische und phantasmagorische Welt zwischen Fiktion und Realität. Fridriksdóttier, die mit ihrer Landsmännin Björk und deren Mann, dem Filmkünstler Matthew Barney bereits mehrere Musikprojekte realisierte, zeigt in der Ausstellung „a forest“ einen Teil der Installation Versation/ Tetralogia, damals eigens zusammengestellt für die Venedig Biennale 2005.
Als grausamer Peiniger zeigt sich die Natur in den Zeichnungen des Spaniers Luis Vidal. Karge Landschaften dornenreicher toter Bäume schreiben sich schmerzhaft in die Haut von Kindern ein. Zarte schwarzen Linien, der leichte Duktus, ein sanft hingetupftes Rot, scheinen die inhaltliche Botschaft zunächst zu verharmlosen. Schließlich geht es um Kindesmissbrauch. Doch dann wird klar, dass Vidals Stil die Zerbrechlichkeit von Kindern in einer feindlichen Umwelt unterstreicht und durch diesen Kontrast einen viel stärkeren, verstörenden Eindruck hinterlässt. Vidals Garden Eden entpuppt sich als infernalischer „Garden of Abuse“, in dem die grausame Natur für das Böse im Menschen steht.
Die Ausstellung „a forest“ im Projektraum FILTER wird erstmals von Gastkuratoren ausgerichtet – von Jocelyn Adele Gonzales Junco (Miami/ Hamburg), Kunstkritikerin und Kuratorin, sowie Gamaliel Herrara, Ausstellungsmacher und Leiter des „Space Other“ in Boston. Dort findet im Anschluss an die Show in Hamburg der zweite Teil von „a forest“ statt, mit KünstlerInnen wie Cang Xin (Beijing), Matias Faldbakken (Oslo), Guadalupe Ruiz Cifuentes Rihs (Zürich) und Ulla von Brandenburg (Hamburg).

Christiane Opitz

Gabríela Fridriksdóttier, Luis Vidal, Oliver Lutz : « a forest », FILTER, 28.8. (Vernissage) bis 23.9.

Published in SZENE HAMBURG 09/06